Das Transparent hängt, der Wecker tickt


Von Harald Fritzsch / Aus dem Erlebnisbericht: "Flucht aus Leipzig", ein Auszug

Einen Tag nach der Sprengung der Paulinerkirche traf ich meinen Cousin Günter in der Leipziger Innenstadt. Wir setzten uns zusammen, sprachen über die entstandene Lage und waren uns einig: Es waran der Zeit, dem SED-Regime zu dokumentieren, daß es diesmal zu weit gegangen war, daß es den Bogen überspannt hatte.

"Was willst du tun, hast du einen konkreten Vorschlag?" fragte ich. "Beispielsweise könnte man bei irgendeiner öffentlichen Veranstaltung eine Protestaktion durchführen, ein Transparent enthüllen oder so etwas."



"An so was habe ich auch schon gedacht, vielleicht in der Thomaskirche. Wenn man dort ein Transparent von der Empore herunterrollen ließe und dann schnell wegrennen würde ..." Günter warf ein: "Du bist vielleicht optimistisch. Du weißt genau, daß bei jeder Veranstaltung in der Thomaskirche auch STASI-Leute zu Gast sind. Weit würdest du nicht kommen. Wenn überhaupt, müßte man eine solche Aktion sehr sorgfältig vorbereiten. Im übrigen, wenn du schon so etwas vorhast, wäre die beste Gelegenheit das Abschlußkonzert mit der Preisverleihung anläßlich des Internationalen Bachwettbewerbs, der demnächst beginnt. Dieses Konzert ist zugleich eine kulturelle und eine politische Veranstaltung. Viele Bonzen aus Partei und Regierung werden da sein."

Wir trennten uns, und ich fuhr mit dem Fahrrad nach Hause. Unterwegs dachte ich über das Gespräch mit Günter nach. Er hatte zweifellos recht, das Abschlußkonzert wäre die beste Gelegenheit. Ich hatte jedoch schon während des Gesprächs gemerkt, daß Günter allenfalls Ideen beisteuern, sich aber nicht direkt beteiligen wollte. Das konnte ich verstehen, denn eine Flucht kam für ihn nicht in Frage. Im Gegensatz zu mir war er kein DDR-Bürger auf Abruf, sondern wollte im Lande bleiben. Ich erkundigte mich nach Details. So erfuhr ich, daß das Abschlußkonzert nicht, wie von mir vermutet, in der Thomaskirche, sondern in der Kongreßhalle am Zoo stattfinden sollte. Bei früherer Gelegenheit hatte ich mir einmal die Bühne der Kongreßhalle angeschaut. Dabei war mir die Feuerleiter auf der rechten Seite der Bühne aufgefallen, auf der man nach oben auf den Boden über der Bühne gelangen konnte. Vermutlich würde es also möglich sein, auf diese Weise ein Transparent auf dem Schnürboden über der Bühne zu installieren.

Am Tage darauf traf ich Günter in der Mensa. Er nahm mich zur Seite: "Weißt du schon die Sache mit Stefan?" "Welche Sache? Hat Stefan was ausgefressen?"
"Heute morgen wurde an der Thomaskirche eine große Inschrift gefunden: 'Auch sprengen.' Dreimal darfst du raten, wer das war." Ich mußte lachen. Klar, das konnte nur Stefan gewesen sein, wer sonst. Günter fuhr fort: "Der STASI war selbstverständlich sofort da, und die Angelegenheit spricht sich langsam in Leipzig herum. Die Kirchenleitung ist beunruhigt und meint, am Ende war es eine Provokation des STASI. Merkwürdig, weder die SED-Leute noch die Kirchenleitung scheinen den Zynismus und den Witz verstanden zu haben, der gleichzeitig in der aberwitzigen und absurden Forderung zum Ausdruck kommt." Ich deutete Günter an, daß ich mir bezüglich weiterer Aktionen auch etwas überlegt hatte, wollte aber nicht in die Details gehen, sondern die Angelegenheit zunächst unter vier Augen mit Stefan besprechen. Am nächsten Morgen besuchte ich Stefan in seiner Gohliser Wohnung. Sein Vater öffnete. Stefan lag noch im Bett. Ich witzelte: "Raus aus dem Bett. Wenn du so weitermachst mit deinen Inschriften an deutschen Kirchen, wirst du sowieso bald eine wohlgeordnete Stellung im Zuchthaus Bautzen bekommen. Dann heißt es früh aufstehen. Du solltest jetzt schon etwas trainieren. "Du hast ja recht, aber das Fleisch ist schwach."
"Also jetzt raus, wir haben Arbeit, wir müssen Ulbricht eine Ohrfeige verpassen." Er sprang aus dem Bett, und wir wurden ernst. Ich legte ihm den Plan dar, beim Abschlußkonzert des Internationalen Bachwettbewerbs in der Kongreßhalle ein Transparent vom Schnürboden der Bühne aus abzurollen. Stefan war skeptisch: "Und wie willst du das machen, ohne daß du noch am selben Abend im STASI-Keller zur ausgequetschten Zitrone befördert wirst?"
"Nun, wir könnten das mit einer Leine und einem entsprechenden mechanischen Auslöser arrangieren. Und dann schnell weg." Stefan sprang auf: "Unsinn. Ich hab's, wir sind doch Physiker. Wir machen es mit einem elektrischen Auslöser, der an eine Schaltuhr gekoppelt ist. Dann brauchen wir gar nicht dabeizusein. Die Uhr macht das für uns." Ich stimmte zu. Das könnte gehen. Mit Eifer gingen wir ans Werk. Stefan als der ältere übernahm die logistische Leitung des Unternehmens. Wir waren von den technischen Einzelheiten so fasziniert, daß Gedanken an das erhebliche Risiko, das wir eingingen, gar nicht erst aufkamen.
"Also, du kümmerst dich um den Auslösemechanismus, ich mich um das Transparent."
"Und was soll denn draufstehen? Wir bräuchten jemand, der gut malen kann, einen Künstler, wenn möglich."
"Das laß nur meine Sorge sein. Ich fahre morgen nach Potsdam, und dann werden wir weitersehen. Wir müssen uns beeilen - das Konzert ist in zehn Tagen." Am Wochenende darauf war ich zu Hause in Reinsdorf. Ich besaß im Hause meiner Eltern eine kleine Elektronikwerkstatt, in der ich als Schüler und zu Beginn meiner Studienzeit an Radios und Funkgeräten gebastelt hatte. Dort konstruierte ich eine einfache elektrische Auslösevorrichtung, die durch eine Schaltuhr gesteuert wurde und die in der Lage sein sollte, ein schweres Transparent zu einem vorgegebenen Zeitpunkt zu entrollen. Ich probierte lange herum, mit nur mäßigem Erfolg. Manchmal funktionierte es, manchmal nicht. Kurz - der elektrische Mechanismus war nicht sehr befriedigend. Wir brauchten eine Vorrichtung, die mit 100prozentiger Sicherheit funktionierte und nicht bloß mit 90prozentiger. Schließlich entsann ich mich, daß ich als kleiner Junge einmal eine mechanische Schaltvorrichtung gebastelt hatte, deren alleinige Aufgabe es war, morgens das Radio in unserem Wohnzimmer einzuschalten, ohne daß ich aus dem Bett steigen mußte. Sie war denkbar einfach: An einem großen Wecker hatte ich hinten am Läutwerk eine kleine Welle angebracht, und wenn der Wecker zu läuten begann, rollte die Welle einen Faden auf, der einen Schalter betätigte. Ich überlegte: Das könnte die Lösung sein. Von meiner Mutter borgte ich mir ihren riesigen alten Wecker aus. Ich baute meine alte Schaltvorrichtung nach. Das Läutwerk des Weckers war sehr kräftig und zog ohne weiteres einen großen Nagel, der das aufgerollte Transparent halten sollte, aus einer Öse heraus. Es funktionierte prächtig. In der großen Werkstatt meines Vaters ließ ich damit mehrmals ein schweres Brett vom Dachboden herunterfallen. Ich hatte die Lösung gefunden und informierte Stefan sogleich darüber, als ich ihn zu Beginn der Woche wieder traf.

Nun machte sich Stefan ans Werk. Bewußt hielt er vor mir alle Aktionen geheim, damit ich im Falle einer Verhaftung mit gutem Gewissen behaupten konnte, ich hätte davon nichts gewußt. Erst später, als wir im Westen angelangt waren, erfuhr ich die Einzelheiten.

In einem Laden in Potsdam, der auf Fahnenstoffe spezialisiert war, kaufte er ein großes Stück gelbes Fahnentuch, etwa 2,5 Meter breit und 5 Meter lang. In Berlin ging Stefan auf die Suche nach einem möglichst großen Wecker mit kräftigem Läutwerk. Er fand ihn schließlich im Kaufhaus am Alexanderplatz. Stefan hatte nach dem Studium eine Position als Doktorand an einem Institut der Akademie der Wissenschaften in Potsdam angenommen und fuhr wie auch ich selbst häufig zwischen Potsdam und Leipzig hin und her. In Potsdam hatte er einen gleichgesinnten Kollegen kennengelernt, Rudolf Treumann. Ich kannte Rudolf auch und hatte ihn gelegentlich mit Stefan im Institut in der Nähe des berühmten Einsteinturms besucht. Rudolf war nicht ausschließlich Physiker, sondern malte viel in seiner Freizeit. Außerdem interessierte er sich sehr für Musik.

Als Stefan ihn fragte, ob er das Transparent malen wolle, sagte er sofort begeistert zu. Der Mut, den Rudolf damit zeigte, war bewundernswert, denn er hatte eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Im Gegensatz zu Stefan und mir hatte er nicht die Absicht, die DDR in absehbarer Zeit zu verlassen. Die Arbeit, die in Stefans Zimmer in Potsdam stattfand, war nicht leicht, da es galt, eine vergleichsweise große Fläche Stoff in einem kleinen Zimmer zu bemalen. Stefans Wirtin, die ahnte, daß sich in ihrer Wohnung etwas zusammenbraute, das besser nicht publik werden sollte, verhielt sich großartig und tat so, als merkte sie von alledem nichts.

Mittlerweile arbeitete ich in Leipzig fieberhaft an der Vorbereitung zu den Prüfungen. Bereits Anfang Mai hatte ich Professor Treder in Potsdam mitgeteilt, daß ich die Absicht hätte, die von mir fertiggestellte Vorstudie zu meiner Doktorarbeit als Diplomarbeit einzureichen. Das würde mir die Möglichkeit geben, einen vorläufigen Abschluß zu haben. Ich strebte dies an, da ich bereits voraussah, daß ich möglicherweise im Herbst nicht mehr in der DDR sein würde. Für den Anfang im Westen aber wäre der Abschluß des Studiums sicher ein Vorteil.

Treder brummte vor sich hin und sagte: "Eigentlich verstehe ich das nicht. Sie sollten doch sofort promovieren. Wozu brauchen Sie dann noch das Diplom? Sobald Sie promoviert sind, wird kein Mensch danach fragen. Das ist doch eine unnötige Arbeit." "Sie haben recht für den Fall, daß ich weiter im akademischen Sektor bleibe. Nur - wer weiß, was kommt. Vielleicht arbeite ich später mal in der Industrie, und dort legt man Wert auf ein Diplom. Jedenfalls ist es sicher nicht von Nachteil, wenn ich das Diplom zusätzlich ablege. Außerdem - das kostet mich doch nichts, abgesehen von den Prüfungen, die ich zusätzlich machen muß." Professor Treder sah mich aufmerksam an, und ich hatte das Gefühl, als ahnte er, daß da noch andere Beweggründe im Spiel sein könnten. Er war einverstanden. Die Prüfungen sollten Ende Juni stattfinden.

Eines Abends, als ich nach dem Abendessen mit Susanne nach Hause kam, überraschte mich meine Zimmerwirtin, Frau Hempel, mit einer seltsamen Nachricht. Ein Herr war dagewesen und hatte nach mir gefragt. Sie war beunruhigt. "Ich sage Ihnen, der sah nach nichts Gutem aus. Seien Sie vorsichtig. Da er sich nicht abweisen ließ, habe ich ihm gesagt, daß er morgen vormittag wiederkommen soll."

Am nächsten Morgen arbeitete ich zu Hause. Gegen zehn Uhr klingelte es. Frau Hempel öffnete und geleitete den Herrn zu mir. Wir setzten uns auf das Sofa in meinem Zimmer. Der etwa vierzigjährige Mann war sehr korrekt gekleidet, mit weißem Hemd und Krawatte. Er entschuldigte sich sofort, daß er mich womöglich in meiner Arbeit störte. Dann begann er mit seinem Anliegen: "Ich komme von der Bezirksparteileitung und bin unter anderem für Sicherheitsfragen zuständig. Bitte wundern Sie sich nicht, daß ich heute hierher zu Ihnen komme. Und bitte, beunruhigen Sie sich in keiner Weise. Also, worum geht es? Wir wissen, Sie gehören zu den besten Studenten am Physikalischen Institut und arbeiten bereits an Ihrer Doktorarbeit. Wir wissen auch, daß Sie nicht immer mit allem einverstanden sind, was in unserem Staat passiert. Wir sind auch informiert, daß Sie Kontakt zu Kreisen in Leipzig besitzen, die nicht immer mit allen Entscheidungen unserer Partei einverstanden sind. Andererseits: Wir glauben, daß Sie ehrgeizig sind und in unserem Staat schnell vorwärtskommen wollen. Deshalb mein Anliegen. Um in unserer Arbeit voranzukommen, benötigen wir die Beteiligung möglichst breiter Kreise der Bevölkerung. Sie verstehen: Um die Sicherheit unseres Staates im Kampf gegen den Imperialismus im Westen zu gewährleisten, brauchen wir die aktive Mitarbeit vieler unserer Mitbürger, nicht nur der Mitglieder der Partei. Ich möchte Sie bitten, einmal darüber nachzudenken, ob Sie uns helfen wollen. Und, wie gesagt, Ihr Nachteil soll es nicht sein. Sie sind jetzt 25 Jahre alt. Im nächsten Jahr werden Sie vermutlich promovieren. Sie könnten schnell vorwärtskommen, vielleicht bald Professor werden." Mir hatte es die Sprache verschlagen. War das eine Falle der Staatssicherheit, oder waren sie tatsächlich so unverfroren, mich um Spitzeldienste zu bitten? Vorsicht war auf jeden Fall angebracht. Ich verstand die ganze Sache nicht und sondierte vorsichtig.
"Und wie sollte denn eine solche Mitarbeit beispielsweise aussehen?P
"Zunächst brauchen Sie gar nichts zu tun. Wenn Sie zusagen, besprechen wir das zunächst bei uns in der Zentrale, und ich würde dann nach einiger Zeit auf Sie zukommen."
"Gut. Aber ich möchte trotzdem wissen, wie denn meine Arbeit in etwa aussehen könnte. Ich bin vornehmlich Wissenschaftler und interessiere mich nicht besonders für Politik. Ich kann mir gar nicht so recht vorstellen, was Sie sich von meiner möglichen Mitarbeit versprechen."
Der Herr lächelte und meinte: "Ach wissen Sie, das ergibt sich im Laufe der Zeit. Ich will Ihnen nur ein Beispiel nennen. Sie arbeiten sowohl hier am Physikalischen Institut als auch in Potsdam an der Akademie. Zum Beispiel könnte es sich herausstellen, daß wir einige Informationen über den Direktor des Instituts für Theoretische Physik, Professor Heber, und seine Mitarbeiter benötigen. Dabei könnten Sie uns helfen. Aber das ist nur ein Beispiel. Die Hauptsache ist: Wir brauchen zuverlässige Mitarbeiter, die flexibel einsetzbar sind. Die speziellen Aufgaben ergeben sich von selbst. Im übrigen: Für Ihre Dienste werden Sie auch gemäß Ihrem Arbeitsaufwand großzügig entschädigt werden."

Das war es also. Der STASI wollte mich ködern und für Spitzeldienste am Institut anwerben. So ungewöhnlich war das allerdings nicht. Spitzel gab es in allen Instituten, und ich wußte auch, daß viele Karrieren in der DDR, insbesondere die von Professoren, auf solchen Diensten beruhten.

Ich wußte nicht, ob ich nun lachen oder weinen sollte. Ausgerechnet in meine Wohnung hatten sie sich getraut, offensichtlich ohne etwas zu ahnen. Oder ahnten sie doch etwas? War dieser Besuch vielleicht ein Beispiel für die Unverfrorenheit und Ausgekochtheit des STASI? Vielleicht wollten sie mich nur aushorchen, um Material für eine spätere Verhaftung zu beschaffen. Ich wußte es nicht.

In Gedanken ging ich die lange Reihe meiner Freunde und Bekannten durch. Ist vielleicht einer von denen bereits jetzt ein Spitzel des STASI? Nicht auszudenken, was die Folgen wären. Ich bekam Angst. Wem konnte man eigentlich in diesem Staat noch trauen? Mit einem Mal wurde mir klar, daß ich stets viel zu vertrauensvoll gewesen war. Auf jeden Fall hieß es jetzt, Zeit zu gewinnen.

Ich antwortete: "Ich weiß nicht so recht. Ich glaube, Sie haben Verständnis, daß ich mir die Sache erst mal überlegen muß." "Selbstverständlich. Wir wissen, daß eine solche Entscheidung nicht leicht ist. Es eilt auch nicht. Ich schlage vor, Sie sagen mir, wann ich wiederkommen soll und wann wir weiterreden können." "Jetzt haben wir bereits Juni. Demnächst muß ich meine Prüfungen machen, und danach möchte ich für einige Wochen in die Ferien fahren. Wie wäre es mit Anfang September?"

"Gut, das ist zwar etwas spät, aber wenn Sie glauben, daß es vorher nicht geht, vereinbaren wir das so. Ich lasse Ihnen meine Adresse hier, für alle Fälle. Sie können mich jederzeit telefonisch erreichen, wenn Sie bereits vor September zu einem Entschluß kommen sollten, der dann, so hoffe ich, positiv ausfallen wird. Ich wünsche Ihnen also viel Erfolg für die Prüfungen und gute Erholung im Urlaub. Und bitte, wahren Sie Stillschweigen über meinen Besuch. Zu niemandem ein Wort. Sagen Sie Ihrer Wirtin, ich sei ein entfernter Verwandter von Ihnen, oder so etwas."

Ich geleitete den Herrn zur Tür. Um keinen meiner Freunde zu beunruhigen, sagte ich über das merkwürdige Anliegen des STASI-Mannes nichts. Auch Frau Hempel und Susanne erfuhren nichts davon.

Am nächsten Tag ging ich zu Professor Heber ins Institut und bat ihn um eine Unterredung. Heber war nicht erstaunt, als er meinen Bericht über den Besuch des STASI-Mannes hörte. Mir schien es fast so, als habe er mit einer Bespitzelung gerechnet und nehme das Ganze mit philosophischer Ruhe hin. Am Ende sagte er:
"Wissen Sie, ich nehme das nicht so tragisch. Mit so etwas muß man rechnen, wenn man in diesem Staat lebt. Ich mache mir nur Sorgen um Sie. Versuchen Sie, da rauszukommen, ohne daß viel Porzellan zerschlagen wird. Ihnen wird schon etwas einfallen." Ich dankte für das Gespräch und versprach, ihn auf dem laufenden zu halten. Erst nach dem Verlassen des Büros wurde mir klar, daß ich einen Fehler gemacht haben könnte. Vielleicht war in Hebers Büro ein geheimes Mikrofon installiert, und der STASI hatte unsere Unterhaltung abgehört. Ich nahm mir vor, von jetzt an äußerst vorsichtig zu sein. Bis heute habe ich nicht in Erfahrung bringen können, was der Grund für den merkwürdigen Besuch der Staatssicherheit bei mir war. Vermutlich waren gewisse Verdachtsmomente im Spiel, wohl mehr aber die Hoffnung, mich durch massive Versprechungen tatsächlich anzuwerben. Es ist aber anzunehmen, daß der STASI ähnliche Werbeversuche bei allen jungen Akademikern unternommen hat, die für eine besondere Karriere, etwa als Hochschullehrer, in Frage kamen. Der größte Teil der akademischen Lehrer in der DDR, die nach dem Bau der Mauer im Jahre 1961 berufen wurden, hatten höchstwahrscheinlich Kontakte zum Staatssicherheitsdienst. Daß die Parteiführung in der DDR stets ihr besonderes Augenmerk auf den Hochschulbereich gerichtet hat, ist verständlich. Vor allem waren es die Hochschullehrer, die durch ihren Kontakt mit den Studenten, den späteren Führungskräften, Einfluß auf die junge Generation nehmen konnten. Trotzdem ist die weitgehende Korruption der Professoren und Dozenten in der DDR einmalig in den Ländern des Ostblocks gewesen. In allen anderen Ländern, Rumänien ausgenommen, erlaubte man den Hochschullehrern eine Liberalität und Freizügigkeit, die anderen Gruppen der Gesellschaft nicht gewährt wurden. In Polen beispielsweise war eine Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei eher ein Nachteil als ein Vorteil für eine Karriere als Hochschullehrer. Der Besuch des STASI-Mitarbeiters beschäftigte mich einige Tage. Leichtfertig hatte ich in dem Gespräch erwähnt, daß ich mich bis September entscheiden wollte, wobei ich insgeheim mit der Möglichkeit rechnete, während des Sommers zu flüchten. Was würde aber im September geschehen, falls ich noch im Lande sein sollte? Mir wurde bewußt, daß dieser Fall nicht eintreten durfte. Mittlerweile hatte der Internationale Bachwettbewerb begonnen, der in allen Musiksälen der Messestadt stattfand. Gleich zu Beginn des Wettbewerbs gab es einen Zwischenfall. Eine Gruppe von Amerikanern, die am Orgelwettbewerb teilnahmen, zog in einer Demonstration durch die Straßen der Innenstadt. Auf einem Transparent protestierten sie gegen die Sprengung der Universitätskirche.

Am Abend vor dem feierlichen Abschlußkonzert fuhr ich nach Gohlis zu Stefan. Gleich beim Eintritt fragte ich: "Nun, wie steht es mit dem Transparent?"
"Es ist hier. Willst du es sehen?"

Wir wickelten die große Stoffrolle ab und legten das Tuch, das einen großen Teil des Zimmers bedeckte, aus. Um es besser überblicken zu können, kletterte ich auf einen Stuhl. Ich sah eine riesige Nachzeichnung der Universitätskirche, auf gelbem Hintergrund. Rechts daneben war ein großes schwarzes Kreuz mit dem Jahr der Sprengung: 1968. Darunter stand in großen schwarzen Buchstaben: Wir fordern Wiederaufbau.

"Nun, gefällt es dir?"
"Großartig. Es ist keine politische Losung darauf, nur eine scheinbar harmlose Forderung. Aber das ist gerade das Brisante daran. Wie habt ihr denn das geschafft? Das war ja eine Riesenarbeit."
"Das ist geheim, ebenso der Name des Malers. Dabei soll es auch bleiben, abgemacht?"
"Gut. Ich werde nicht mehr danach fragen. Wieviel Leute haben das Plakat eigentlich bisher gesehen?"
"Mit dir jetzt fünf. Erstens der Maler, zweitens ich, drittens ein Freund von mir, der gerade hier war und mir noch etwas bei den Vorbereitungen geholfen hat, und viertens du."
"Und wer ist der fünfte?"
"Das ist auch geheim."

Von Stefan erfuhr ich also weiter nichts. Erst nach vielen Wochen, als wir bereits im Westen waren, klärte er mich über die Identität der fünften Person auf. Stefan hatte es nicht lassen können, mit dem fertigen Transparent zu einem guten und zuverlässigen Bekannten, dem berühmten und verfemten Dichter Peter Huchel, zu fahren. Dieser wohnte nicht weit von Potsdam. In dessen Garten breitete er das Transparent aus. Huchel, der sonst ruhige alte Mann, freute sich sichtlich und war ganz aufgeregt. Er hatte auch allen Grund. Endlich würde das SED-Regime wieder einmal herausgefordert werden. Wir machten uns nun an die Arbeit, den Auslösemechanismus zu kontrollieren. Gerade weil er so einfach war, funktionierte er vortrefflich. Der Wecker, ebenso groß wie der unsrige zu Hause, war gut geeignet für die Aufgabe. Erstaunt fragte ich: "Der Wecker klingelt nicht mehr. Warum habt ihr denn die Klingel ausgebaut?"

Stefan antwortete: "Stell dir vor, die erwischen uns. Man könnte uns dann auch dafür belangen, daß wir mit der Klingelei das Konzert gestört haben."
"Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, daß jemand das Klingeln des Weckers hören wird."
"Klar, hören wird ihn niemand. Nur wirst du das bei der Verhandlung kaum nachweisen können."

Stefan hatte einen möglicherweise wichtigen Punkt angesprochen. Bei einer Verhandlung würde man versuchen, unsere Aktion als kriminelle Störaktion, ohne politischen Hintergrund, zu behandeln. Es galt also vorzubeugen. Stefan hatte den Auslösemechanismus noch weiter vereinfacht. Es genügte, den Nagel, an dem das aufgerollte Transparent über einer dünnen Schnur hing, in die Öffnung der Flügelschraube des Weckers von oben hineinzustecken. Bei der ersten Umdrehung der Schraube wurde der Nagel durch das Eigengewicht des aufgerollten Transparents herausgezogen, und das Transparent rollte sich aus. Wir probierten den Mechanismus mehrmals hintereinander aus. Er funktionierte einwandfrei. Am nächsten Morgen fuhr ich wieder hinaus nach Gohlis. Stefan hatte alles vorbereitet. Das Transparent war zu einer großen, etwa zweieinhalb Meter langen Rolle zusammengewickelt, außen herum noch ein schwarzes Tuch. An den Ecken schauten Stative heraus, so daß das Ganze wie eine technische Vorrichtung aussah. Schließlich zog Stefan einen grauen Arbeitskittel über.

"Du siehst jetzt aus wie ein Fernmeldetechniker", spottete ich und gab eine Unbekümmertheit vor, die im Widerspruch zu meinen tatsächlichen Gefühlen stand. Ich wußte, daß unser Vorhaben leicht in einem Fiasko enden konnte.
"Ich sehe nicht nur so aus, ich bin einer. Und wissen Sie, meine Firma schickt mich jetzt zu dringenden Montagearbeiten in die Kongreßhalle. Also bis gleich."

Mit seinem sperrigen Gepäck fuhr Stefan mit der Straßenbahn direkt zur Kongreßhalle am Zoo, ich folgte ihm auf dem Fahrrad. Am Ziel angekommen, wartete er vor der Halle auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich ging kurz in die Halle hinein und schaute mich um. Eine Reihe von Arbeitern war dabei, die Halle für die Abendveranstaltung herzurichten. Kabel wurden verlegt, Kameras und Mikrofone aufgebaut. Mit großer Wahrscheinlichkeit waren auch STASI-Leute in der Halle. Ich ging zu Stefan zurück: "Es scheint alles normal. Also, ich warte auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sei vorsichtig. Kein unnützes Risiko."
"Denk dran: Wenn etwas schiefläuft, verschwinde sofort. Sei unbesorgt, aus mir werden sie nichts rausbekommen. Ich nehme alles auf meine Kappe."

Stefan verschwand mit der großen schwarzen Rolle im Eingang der Kongreßhalle. Ich ging auf der gegenüberliegenden Straßenseite spazieren und beobachtete den Eingang. Mein Fahrrad hatte ich am Straßenrand abgestellt, damit ich im Notfall schnell davonfahren konnte. Von Minute zu Minute stieg meine innere Anspannung.

Obwohl jedermann in der Kongreßhalle das lange schwarze Ding sehen mußte, das Stefan da hereintrug, nahm niemand Notiz davon. Jeder vermutete, daß das auch eines der Geräte sei, die am Abend gebraucht würden - was ja nicht falsch war. Unauffällig verschwand Stefan mit der schwarzen Rolle hinter dem Vorhang. Alles verlief nach Plan. Niemand war auf der Bühne beschäftigt, und so konnte er mit dem Transparent die Feuerleiter zum Schnürboden hinaufklettern. Oben sah es wüst aus. Zentimeterhohe Staubschichten bedeckten alles. Offensichtlich war seit langer Zeit niemand auf dem Boden gewesen. In der Mitte über der Bühne hängte er das aufgerollte Transparent mit dem Wecker auf. Sein ursprünglicher Plan, keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, indem er Handschuhe benutzte, erwies sich leider als nicht durchführbar. Die mitgebrachten Handschuhe - nicht vorher ausprobiert - waren zu klein.

Nach einigen Minuten Arbeit hing das Transparent. Stefan wollte schon den Weg nach unten antreten, als er vorsichtshalber noch einmal alles überprüfte. Glücklicherweise - denn es stellte sich heraus, daß das Transparent verkehrt herum hing, mit der Abbildung nach hinten. Also mußte die Arbeit noch einmal getan werden. Dann war es schließlich soweit. Stefan stellte die Weckzeit ein: Abends acht Minuten nach acht, achtunddreißig Minuten nach Beginn des Konzerts. Wir hatten diese Zeit gewählt, weil wir glaubten, daß dann die Auszeichnung der Preisträger vorüber und das Konzert in vollem Gange sein würde - ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte. Als Stefan wieder unten anlangte, stellte er fest, daß er überall mit Staub bedeckt war und deshalb auffällig verdreckt aussah. Mit Mühe gelang es ihm, ungesehen die Toilette zu erreichen und dort den schlimmsten Schmutz zu entfernen. Ohne aufzufallen, konnte er schließlich die Kongreßhalle etwa eine halbe Stunde nachdem er sie betreten hatte, wieder verlassen. Ich atmete erleichtert auf, als ich ihn im Eingang auftauchen sah. Er ging über die Straße und kam zu mir: "Alles bestens. Das Transparent hängt, der Wecker tickt. Jetzt können wir nur noch warten." "Was machen wir eigentlich heute abend? Ich dachte, wir gehen ins Konzert. Jedenfalls habe ich zwei Karten besorgt." "Sag mal, spinnst du? Willst du dem STASI in die Arme laufen ?"
"Wieso? Es werden Tausende von Leuten dasein. Wir würden überhaupt nicht auffallen. Und außerdem, ich will sehen, ob die Aktion auch richtig abläuft."
"Na gut, du scheinst lebensmüde zu sein. Also du gehst hin, ich nicht. Vielleicht ist es ganz gut, daß jemand von uns dabei ist. Ich habe das Transparent aufgehängt, also ist jetzt die Reihe an dir. Wir treffen uns nach dem Konzert." Wir vereinbarten einen Treffpunkt um halb elf Uhr nachts in der Innenstadt. Am Abend fuhr ich in gespannter Erwartung zur Kongreßhalle. Im Foyer traf ich meinen Vetter Günter, der mit seiner Verlobten gekommen war. Wir begrüßten uns kurz, ich sagte leise zu ihm:
"Aufpassen, um acht Minuten nach acht." Erschrocken sah mich Günter an und flüsterte zurück: "Ihr habt also?" Ich nickte und entfernte mich sofort. Mein Platz war im Parkett in einer der hinteren Reihen. Pünktlich um halb acht begann die Veranstaltung. Wir hatten angenommen, daß man mit der Auszeichnung der Preisträger sofort beginnen würde. Dies war jedoch nicht der Fall, denn zunächst hielt der Kulturminister der DDR eine längere Ansprache. Erst danach begann die Preisverleihung, die vom Rektor der Musikhochschule, Professor Fischer, einem älteren kurzsichtigen Herrn, vorgenommen wurde und einige Zeit beanspruchte.

Es war bereits kurz nach acht. Mein Herz fing an schneller zu klopfen. Nur noch wenige Minuten, die sich zur Ewigkeit dehnten. Nunmehr rief Professor Fischer die Preisträger des Klavier- und des Orgelwettbewerbs auf, unter denen auch zwei jener Amerikaner waren, die vor Tagen in Leipzig die Sprengung der Universitätskirche angeprangert hatten. Schließlich standen alle Preisträger auf der Bühne, der Beifall ebbte ab, und Rektor Fischer wollte wieder das Wort ergreifen. Es war acht Minuten nach acht. Gebannt schaute ich auf die Bühne. Schnell, wie von Geisterhand gesteuert, rollte das große gelbe Transparent herunter und hing innerhalb von einer Sekunde da, vor den Augen von mehr als zweitausend Zuschauern. Ich spürte, wie mein Nachbar zur Rechten zusammenzuckte. Da war es, das Bild der gesprengten Universitätskirche, mit der provokativen Inschrift: Wir fordern Wiederaufbau.

Beifall brauste auf, steigerte sich zum Orkan. Manche Besucher erhoben sich von ihren Plätzen. Der kurzsichtige Rektor Fischer stand hilflos auf der Bühne und konnte sich den tosenden Beifall nicht erklären. Das Transparent konnte er nicht sehen, da er direkt darunter stand.

Die anwesenden Funktionäre der Partei, der Oberbürgermeister Kresse und zwei aus Berlin gekommene Minister erstarrten. Der Beifall wurde noch stärker, es gab Pfiffe, viele trampelten mit den Füßen. Blitzlichter leuchteten auf, Journalisten fotografierten die Szene. Ein japanisches und ein tschechisches Fernsehteam machten Aufnahmen.

Ich beobachtete, wie sich Leute erhoben und aus ihren Reihen herausliefen, vermutlich verstreut sitzende STASI-Agenten, die sich jetzt an ihre Pflicht erinnert fühlten. Ich sah auf die Uhr. Der Beifall dauerte etwa sechs Minuten. Dann ebbte er ab. Immer noch waren Pfiffe zu hören. Eine allgemeine Unruhe hatte das Publikum erfaßt.

Schließlich war es jemandem gelungen, über die verstaubte Feuerleiter nach oben zu klettern. Das Transparent wurde hochgezogen, fiel aber gleich darauf wieder nach unten, wobei eine große Staubwolke ausgelöst wurde. Begeistertes Klatschen der Leipziger, erneut Schreie und Pfiffe. Noch einmal hing das Transparent für eine halbe Minute, dann wurde es langsam hochgezogen, unter Pfiffen und Buhrufen. Anstelle des Transparents war nun auf der weißen Bühneneinfassung ein riesiger dunkler Staubfleck zu sehen.

Ich schaute mich um. Jedermann strahlte, die Leute tuschelten. Mein Nachbar, ein alter Herr, lachte mich an und sagte:
"Großartig. Daß ich das noch erleben durfte." Kein Zweifel, wir hatten gute Arbeit geleistet.

Das anschließende Konzert verlief ohne Zwischenfälle. Ich war immer noch stark erregt und konnte mich nur schwer auf die Musik konzentrieren.

Hatte ich die ganze Aktion bislang eher wie einen Studentenulk betrachtet - allerdings mit politischem Hintergrund -, eine Aktion, über die man im Westen nur lächeln würde, so wurde mir jetzt der Ernst der Angelegenheit bewußt. Von heute abend an würde es keine Ruhe mehr für uns geben, denn der Staatssicherheitsdienst würde nicht eher ruhen, als bis die Täter gefunden waren. Von nun an gab es keinen anderen Ausweg mehr als die Flucht. Das Konzert ging noch vor zehn Uhr abends zu Ende, da es keine Pause gegeben hatte. Am Ausgang der Kongreßhalle standen ein paar Herren und musterten die Herauskommenden. Ich schaute weg und ging nach draußen. An der Straßenbahnhaltestelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah ich Günter mit seiner Verlobten. Ich schlenderte hinüber und flüsterte: "Hat gut geklappt, was?"

Er gab mir einen Stoß in die Seite: "Sei still, kein Wort." Zum Glück hatte Günters Verlobte nichts von unserem kurzen Gespräch gehört. Angesichts der Tatsache, daß der Eingang der Kongreßhalle von STASI-Agenten regelrecht umstellt war, war meine Bemerkung zu Günter wohl auch etwas unvorsichtig gewesen. Zur verabredeten Zeit traf ich Stefan am Ring. Als ich ihm schilderte, wie erfolgreich das Ganze verlaufen war, brach der Jubel aus ihm heraus. Er beneidete mich, daß ich dabeigewesen war. In einem kleinen Lokal am Ring begossen wir den Erfolg der Aktion.

Als ich kurz vor Mitternacht nach Hause kam, erwartete mich Frau Hempel. Eine Nachbarin war im Konzert gewesen und hatte ihr bereits die Geschichte erzählt. Von mir wollte sie weitere Einzelheiten wissen. Selbstverständlich hatte Frau Hempel keine Ahnung, daß einer der Urheber der Aktion vor ihr stand. Wir tranken noch einen Kognak zusammen. Sie sagte zu mir: "Wissen Sie, manchmal habe ich mich geschämt, eine alte Leipzigerin zu sein. Immer, wenn ich höre, daß dieser Verbrecher mit dem Spitzbart an der Spitze dieser DDR von hier stammt, aus dem Leipziger Osten, schäme ich mich. Heute abend kann ich nun endlich einmal stolz sein. Trinken wir auf die Urheber des Transparents und darauf, daß es noch viele davon geben wird, so viele, bis dieser ganze sogenannte Staat einmal wie ein morsches Haus zusammenbricht. Und ich sage Ihnen, Harald, wenn das einmal geschieht, dann hoffe ich, daß die Leipziger ihr Scherflein dazu beitragen werden. Zum Wohl."

Und so trank ich denn mit gemischten Gefühlen, ohne daß Frau Hempel etwas ahnte, unter anderem auf mein eigenes Wohl.

Harald Fritzsch: "Flucht aus Leipzig". Piper Verlag, München; 152 Seiten. Harald Fritzsch ist Professor für theoretische Physik an der Universität München und erfolgreicher Sachbuch-Autor ("Eine Formel verändert die Welt"). 1943 in Zwickau geboren, hat er noch zur Ulbricht -Zeit in Leipzig studiert. Nach der DDR-Wende erzählt er in einem neuen Buch erstmals, wie er 1968 in den Westen flüchtete - via Bulgarien im Faltboot über das Schwarze Meer in die Türkei. Der Flucht ging ein Anwerbeversuch der Stasi und eine spektakuläre Aktion voraus, mit der Fritzsch und zwei Freunde 1968 gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche protestierten - ein Studentenstreich als Widerstandsakt gegen das SED -Regime.