Sendung des Bayerischen Rundfunks vom 11.10.2006, 20.15 Uhr
(im Auszug)

Prof. Dr. Harald Fritzsch
Elementarteilchen-Physiker
im Gespräch mit Dr. Dieter Lehner


Lehner:
Ich begrüße Sie ganz herzlich, Herr Professor Fritzsch.
Sie sind, wenn ich das so sagen darf, ein sehr mutiger
Mann. Sie haben Ihre Jugend und Studentenzeit in der DDR verbracht, Sie
gehörten dort zur Opposition und haben dann eine waghalsige Flucht über
das Schwarze Meer gewagt, durch die Sie dem Arbeiter- und Bauernstaat
entkommen konnten ...
Welche Beziehungen hatten Sie selbst zur Paulinerkirche?

Fritzsch:
Nun ja, ich kannte diese Kirche recht gut, denn ich war dort öfter mal bei
Veranstaltungen gewesen. Ich habe auch mal kurz dort gearbeitet, weil
gleich daneben die Universitätsbuchhandlung war. Ich fand außerdem,
dass diese Kirche sehr schön war, ein architektonisches Juwel.

Walter Ulbricht, der Chef des Staates, mochte diese Kirche jedoch überhaupt nicht.
Er kam ja aus Leipzig und wollte den Augustusplatz umformen in einen
sozialistischen Platz. Dafür musste die Kirche weg. Er hatte an diesem Platz
bereits die Oper bauen lassen und meinte immer wieder, dass diese Kirche
nun endlich weg müsse.

Erst hat man gedacht, das sei nur ein Witz, später
jedoch war klar, dass das ernst gemeint ist. 1968 ging Ulbricht dann so weit,
dass er die Volkskammer beauftragte, hier eine Entscheidung zu treffen. Es
wurde also abgestimmt und die Volkskammer beschloss: Diese Kirche wird
gesprengt. Fertig! Die Leipziger Stadtverordnetenversammlung musste das
dann natürlich auch noch absegnen. Auch sie stimmte selbstverständlich für
die Sprengung.

Am 20. Mai 1968 wurden die ersten Sprenglöcher in die
Kirche gebohrt, die Sprengung selbst erfolgte dann am 30. Mai. Für mich
war das eine Katastrophe. Das war aber auch für die DDR insgesamt bzw.
für den gesamten Ostblock eine Katastrophe.

Honecker als Nachfolger von
Ulbricht hätte das z. B. nie gemacht: Der hat ja sogar die alten Städte
wieder unterstützt und z. B. Erfurt neu aufbauen lassen. Honecker wäre nie
auf die Idee gekommen, eine Kirche zu sprengen. Aber der Ulbricht hat das
gemacht. Letztlich hat ihn das dann aber auch seine Existenz gekostet.
Denn zwei Jahre später wurde er "weggeräumt" von der Partei und
Honecker kam an die Macht. Die Sprengung dieser Kirche war also auch
für Ulbricht selbst nicht gut gewesen. Aber diese Sprengung hat es eben
einfach gegeben.

Wir haben dann in Leipzig beschlossen, eine Art
Protestaktion zu unternehmen, als die Sprengung über die Bühne
gegangen war. Wir überlegten uns, beim Abschlusskonzert der berühmten
Leipziger Bach-Festspiele eine Aktion zu machen, denn zu diesem Konzert
kam ja auch immer die Regierung und das Ganze wurde im Fernsehen
übertragen.

Der Freund, mit dem ich dann später geflohen bin, hatte
wiederum einen Bekannten in Berlin, der ein großes Plakat mit der Leipziger
Paulinerkirche darauf gemalt hat. Unter dem Geburtszeichen stand: "13.
Jahrhundert"; daneben stand ein großes Kreuz und "30. Mai 1968". Dieses
riesengroße Plakat, es war ungefähr zweieinhalb Meter breit und fünf Meter
hoch, haben wir dann Mitte Juni 1968, als diese Veranstaltung lief, in die
Leipziger Kongresshalle reingeschmuggelt, die übrigens heute noch
existiert. Mein Freund kletterte dann auf die Bühnenleiter hoch. In diesem
Raum waren ja alle möglichen Bühnenarbeiter beschäftigt und
selbstverständlich waren da auch Leute von der Staatssicherheit mit im
Raum, aber alle glaubten, wir würden mit dazu gehören. Wir hatten uns
natürlich Arbeitskleidung angezogen. Er kletterte also hoch und befestigte
dort das Plakat mit einer Uhr.

Wir nahmen dafür einen alten Wecker: Wenn
der Wecker klingelte, sollte er dabei einen Nagel rausziehen, worauf sich
das Plakat nach unten entrollen würde. Wir hatten den Mechanismus
vorher genau ausprobiert und waren uns daher sicher, dass das
funktionieren würde. Ich ging dann abends ins Konzert, während sich mein
Freund nicht hineingetraut hat.

Pünktlich, fünf Minuten vor acht Uhr, flog
mitten in der Ansprache des DDR-Kulturministers Klaus Gysi, des Vaters
des heutigen Politikers Gregor Gysi, dieses Plakat nach unten. Das war
natürlich eine Katastrophe für Leipzig. Ulbricht selbst war zwar nicht
anwesend, aber die komplette Leipziger Stadtregierung und einige
Staatsminister wie z. B. Klaus Gysi. Keiner von denen wusste in diesem
Moment natürlich, was jetzt zu tun sei. Es gab nämlich einen Riesenapplaus
des Publikums. Gysi, in dessen Rücken das alles passierte, dachte
zunächst sogar, das wäre Applaus für seine Rede. Aber der Applaus hörte
nicht mehr auf und er wurde langsam unruhig. Er hatte einfach nicht
mitbekommen, dass hinter ihm das Plakat zum Vorschein gekommen war.
Er merkte dann aber, dass etwas nicht in Ordnung war und rannte für einen
kurzen Moment regelrecht von der Bühne runter.

Stasi-Leute, die im
Auditorium saßen, standen dann auf, liefen nach vorne und überlegten, was
jetzt zu machen sei. Einer wurde beauftragt nach oben zu klettern, um diese
Plakat zu entfernen. Aber erst nach insgesamt ungefähr zehn Minuten! Der
Applaus ebbte dann natürlich auch langsam ab. Die Organisatoren
beschlossen anschließen, bei dem folgenden Konzert keine Pause zu
machen. Nach dem Konzert musste jeder, der in diesem Konzert war, an
einer Kamera der Staatssicherheit vorbeilaufen. Es wurden also alle
aufgenommen. Denn so schlau waren sie schon: Sie hatten auch den
Verdacht, dass derjenige, der das gemacht hatte, im Publikum sitzen
könnte. Aber es waren halt 3000 Leute in diesem Konzert: Da kann man
lange suchen! Ich lief natürlich auch an dieser Kamera vorbei und blickte
hinein. Aber man konnte mich in keiner Weise identifizieren.

In der Nacht ging es dann jedoch los: Ulbricht wurde informiert! Und die Medien
berichteten darüber: Der RIAS in Berlin hatte schon um zehn Uhr abends in
den Nachrichten gesagt, dass es in Leipzig einen Zwischenfall gegeben
hatte. Man sprach da von einem Zeitzünder, infolgedessen etwas explodiert
sei. Aber das war natürlich keine Explosion und auch kein Zeitzünder
gewesen. Am nächsten Tag hat die Staatssicherheit dann die gesamte
theologische Fakultät der Universität Leipzig verhaftet auch die
Professoren! Sie dachten natürlich, dass diese ganze Aktion aus den
Reihen der Theologie käme.

Dass das Physiker sein könnten, hätten sie nie
geglaubt. Wir haben dann aber in den nächsten Tagen oder Wochen
gemerkt, dass sich die Mühlen der Staatssicherheit doch so langsam in
unsere Richtung vorarbeiteten. Man hatte nämlich herausbekommen, wo
der Stoff gekauft worden war: Sie hatten tatsächlich herausbekommen,
dass wir den Stoff für dieses Plakat in Potsdam gekauft hatten. Und mein
Freund fuhr immer zwischen Potsdam und Leipzig hin und her. Auch das
hatten sie also bald herausbekommen.

Wir hatten daher das Gefühl, dass
sie bis in spätestens sechs bis acht Wochen wissen würden, wer diese
Aktion gemacht hatte. Und dann würde es uns schlecht ergehen: Wir wären
bestimmt für ewige Jahre im Gefängnis verschwunden. Also planten wir
unmittelbar darauf unsere Flucht. Diese Flucht fand dann Mitte Juli über
Bulgarien statt.