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Hartwig Ebersbach zum 70. Geburtstag


Wir gratulieren Hartwig Ebersbach herzlich zu seinem Jubiläum und freuen uns über die lange Verbundenheit mit unserem Hause und mit unserer Galerie.

Gerne erinnern wir uns an die Ausstellung "3 x Ebersbach" (Christine, Hartwig und Wolfram Ebersbach) in unserer Galerie im Jahre 1996.


Hartwig Ebersbach in der Galerie unseres Hauses
während der Eröffnung der Mayer-Foreyt Ausstellung im Jahre 1996. ©Foto: Galerie Hotel Leipziger Hof


Christine, Hartwig und Wolfram Ebersbach.
Vorbereitung der Ausstellung "3 x Ebersbach" im Jahre 1996.

Im Hause von Wolftram und Christine Ebersbach in Wurzen bei Leipzig bei der Vorbereitung der Ausstellung "3 x Ebersbach", von links: Christine Ebersbach, Monika Ebersbach, Hartwig Ebersbach, Peter Guth und Wolfram Ebersbach. ©Foto: Klaus Eberhard, Galerie Hotel Leipziger Hof


Zur Einführung in die Ausstellung sprach Dr. Peter Guth


Meine Damen und Herren,
es wäre wirkungsvoll, konnte ich von einem Familienstil sprechen, von einer Malerdynastie, von einer verschworenen, ja mafiösen Gemeinschaft, die sich die Bälle zuspielt. Aber hier läßt sich nichts vom anderen herleiten, hier geht es umn drei Individualitäten, um drei Handschriften und drei Temperamente, die sich unterschiedlicher nicht denken lassen. Interessant scheint mir, dass gerade diese Differenziertheit auf etwas hinweist, das in den flockigen Kommentaren zur Kunstgeschichte unterzugehen pflegt. Man spricht sehr gerne und ohne rechten Verstand von der Leipziger Schule als einem Hort der gedankenschwangeren, philosophiebeladenen literarischen Malerei, die, und auch das ist zu hören, sich gleichsam aus sich selbst generiert hat als die Zeitumstände eben günstig waren.

Tatsächlich jedoch weisen die Biografien der heute hier ausstellenden Künstler auf ein sehr breites kunstgeschichtliches Spektrum hin, das als Unterschicht der Leiziger Malerei virulent ist und diese wahrscheinlich eher verdeutlicht als andere Kategorisierungen. Anders gesagt: Auch die Malerei in Leipzig steht, wie Kunst ja überhaupt, auf den Schultern der Kunstgeschichte. Man mag von besonderen Bedingungen sprechen, deshalb jedoch befindet sie sich längst nicht außerhalb europäischer Entwicklungen.

Der 1940 geborene Hartwig Ebersbach hat bis 1964 bei Bernhard Heisig studiert und vermittelt über ihn und die eigenen Affinitäten ein malerisches Potential für die hiesige Kunst erschlossen, das von Slevogt, Kokoschka und Corinth über Ensor bis zu Karel Appel und Willem de Kooning reicht. Sein drei Jahre jüngerer Bruder Wolfram, hat bis 1971 bei Wolfgang Mattheuer studiert und ganz andere Traditionslinien angerissen: Hier wäre neben Mattheuer selbst ein weiterer Leipziger zu nennen , namentlich Max Beckmann. Über diesen gelangt man zum expressiven Verismus.

Anders als der Lehrer Mattheuer verfolgt Wolfram Ebersbach keine alegorische Metaphorik, sondern eine, die im Bildgegenstand selbst liegt. Seine Frau Christine, 1954 geboren und bis 1978 Studentin bei Rolf Kuhrt und Dietrich Burger, steht, wiederum vermittelt über die Lehrer, in einer Linie, die auf die klassische Moderne verweist und zwischen Expressionismus und der Farbkultur eines Oskar Schlemmer oszilliert. Daß bei ihr außerdem die deutsche Romantik eine wichtige Quelle der Anregung ist, zeigen die Arbeiten deutlich.

Dazu gibt es eine Reihe von Querverbindungen bei den einzelnen Künstlern, die nicht auf Linien deuten, sondern eher schlaglichtartig bestimmte Außeneinflüsse während ganz konkreter Werkphasen verdeutlichen. Diese nun reichen von der deutschen Mystik bis zur französischen Moderne.

Wenn es denn schon nicht moglich ist, die Spuren eines Malerclans auszumachen, treibt mich doch der Ehrgeiz, in dem fast theatralisch inszenierten Ausstellungstitel "3 x Ebersbach" etwas Verbindendes aufzufinden, das über den tatsachlich vorhandenen gegenseitigen Respekt hinausgeht. Zum Respekt nur ein Wort: Ich konnte mehrfach erleben, wie die drei beim gegenseitigen Vorlegen der Arbeiten, auch in Vorbereitung dieser Ausstellung, miteinander umgingen: Für Künstler erstaunlich uneitel, darauf sehend, daß der andere sich im besten Licht zeigt, kritisch, aber nie verletzend und immer zum Erstaunen am Werk des anderen bereit. Da Hartwig Ebersbach gerade seine groBe Retrospektive im Leipziger Museum zeigt, will ich nur daran erinnern, daß es sein jüngerer Bruder Wolfram es war, der ihn 1977, als gerade das Wandbild für die Leipziger Universitat im Entstehen war, mit Rat und Tat aus einer tiefen künstlerischen Krise riß, indem er ihm den Zugang zur gestischen Malerei am Beginn unseres Jahrhunderts, namentlich zu Kokoschka, eröffnete.

Doch zurück zu den Gemeinsamkeiten: Ich glaube, daß die tiefe innere Verbindung in ihrem Herkommen aus der sächsischen Kulturlandschaft liegt. Diese Landschaft hat nicht nur einen künstlerischen Background, ein gewaltiges imaginäres Museum, das Eberhard Roters einmal mit dem "sächsischen Dialekt in der Malerei" beschrieb, sondern sie verfügt auch über eine Natur, die in der Lage ist, Menschen zu prägen. Sie zeichnet sich durch eine ausgewogene Sanftheit und Harmonie aus, und wenn sie Gegensätze zuläßt, sind diese unvermittelt und schroff. Es geht hier um eine Regionalität, die nichts zu tun hat mit Provinzialismus, sondern die hinweist auf eine jahrhundertelange gelebte kulturelle Biografie, die zwingend Spuren hinterläßt.

Aus dieser Landschaft insgesamt, resultiert das eigentlich verbindende Element der drei: eine tief verwurzelte Sehnsucht nach Harmonie. Selbstverständlich äußert sich diese Harmoniesucht sehr unterschiedlich und ist mitunter gar nicht so leicht zu erkennen.

Sie stellt sich in den Landschaften der Christine Ebersbach am deutlichsten vor das Auge, in ihren streng gebauten Aquarellen und Holzschnitten, ihren einladenden Exterieurs, die mit einer fahlen, aber kraftvollen Farbigkeit das Grundthema der sächsischen Landschaft auch dort anstimmen, wo ganz andere Landstiche gemeint sind. Doch sie gibt keinen sentimenalen Realismus, sondern etwas, das man "rationale Romantik" nennen könnte, eine überlegte, präzis auf den Punkt gebrachte Wiedergabe des Tatsächlichen, das aber immer gebrochen ist von einer Bedeutungssphäre, die auf das Thema der Vereinzelung des Individuums zielt. Aber auch bei ihr gibt es Brüche in der Harmonie, sei es wie sie scharfkantig die Motive anschneidet oder sei es, wie sie das Realleben fast spielzeughaft in die dominierenden Landschaften hineinstellt. Für mich offenbart sich hier eine sehr gutartige Ironie, mit der sie nicht zuletzt auch sich selbst hinterfragt.

Wolfram Ebersbach hat immer wieder die Stadtlandschaft thematisiert. Anstelle seiner großformatigen Bilder, von denen einige derzeit in der Hochschule fur Grafik und Buchkunst zu sehen sind, zeigt er in der ihm eigenen Bescheidenheit hier nur die Vorarbeiten dafür, die vor Ort entstandenen Ideenskizzen. Diese allerdings geben durchaus einen vollgültigen Blick auf seinen Zugang zum Harmonieproblem. Das erklärt sich aus dem ständigen Neudiskutieren der baulichen Trägerstrukturen fur Kultur, der Passagen, Fußgängerbrücken, Bahnhöfe und Fabrikhallen . Mit kraftvollen Lineaturen, die sich in der jüngsten Zeit vom fast ausschließlich vorkommenden Schwarz in eine Aufhellung bewegt haben, skelletiert er gleichsam die Stadt. Vielleicht mag Ihnen der Vergleich eigenartig vorkommen, aber mich erinnern seine Bilder und Blätter ganz außerordentlich an Edward Hopper. Und über diese Spur kommt man zur Harmoniesehnsucht - sie wird durch Abwesenheit von Harmonie (sieht man einmal von der Bildkomposition ab) verdeutlicht. Wolfram Ebersbachs Arbeiten asoziieren noch einen anderen Vergleich, nämlich den zu Piranesi. Wie jener seine Carceri mit ihren angekippten Perspektiven als Mischung von Schrecken und Faszination zeigt, erscheinen auch bei Wolfram Ebersbach die Stadtlandschaften als Mischung aus Hingerissen-Sein von urbanen Strukturen und horrorvacui.

Hartwig Ebersbach schließlich hat am Beginn seiner Laufbahn in altmeisterlicher Manier nachgewiesen, daß er leibeln und menzeln kann, und hat sowohl die Bildharmonie als auch die soziale Harmonie für sich gesucht. Seine große Schau im Museum zeigt jetzt gerade den mühsamen Ablösungsprozeß von dieser Harmoniesucht und ein großes Bild spricht schon im Titel eine deutliche Sprache: es heißt Liebesentzug. Unter ihm hat er lange gelitten, so lange, bis er sich entschloß, das Harmonieproblem im gesteuerten Chaos, im Gesellschaftsspiel und im Purzelbaum-Schlagen zu verstecken. "Entzogene Liebe provoziert die Lust als Spiel", wie er selbst sagt. Heute, zumindest teilvergoldet, aber auch philosophischer und wieder mehr geerdet, klingt bei den hier gezeigten Kreideblättern sein Verständnis von Harmonie als Zusammenklang der Dissonanzen an: Das mit Figurenknoten verfolgte Orpheus-Thema kennt die reine, wenn auch ungeschickte Liebe, kennt den Glanz und den Verrat. Die Spur legt die Orpheussage selbst, denn dort werden die Gliedmaßen des zerstückelten Sängers von den Musen schlußendlich wieder zusammengesammelt und in harmonischer Gänze bestattet. Nur der Kopf wurde in eine Höhle gelegt, wo er nach wie vor sang. Auch hier schließt sich eine innere, ahnungsvolle Harmonie, denn Hartwig Ebersbach hatte 1973 seinen Kopf mit Edelgemüse angerichtet auf einer Silberplatte gemalt. Mit dem Orpheus-Thema schließt sich also nach gut zwanzig Jahren ein Kreis.

Mit diesem hoffentlich nicht zu lang geratenen Versuch, denn doch etwas Gemeinsames bei 3 x Ebersbach zu finden, will ich es bewenden lassen und Ihre Aufmerksamkeit auf die Bilder lenken. Nur der Schein trügt nicht, wie Oskar Wilde sagt. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.

©Peter Guth

Hier beim Auswählen von Arbeiten für die Ausstellung "3 x Ebersbach", von links:
Monika, Hartwig und Wolfram Ebersbach, Peter Guth, Chrisine Ebersbach. ©Foto: Klaus Eberhard, Galerie Hotel Leipziger Hof




Das Museum der bildenden Künste Leipzig zeigt noch bis zum 1. August 2010 die Ausstellung Hartwig Ebersbach "Frühstück im Freien".



© Klaus Eberhard, Juni 2010




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letztes update: 9.7.2010