Im Zeichen der Vier

Eröffnung der Ausstellung "Gegenstand und Abstraktion": Harald Bauer, Günter Huniat, Michael Möbius, Hael Yxxs (19. Mai 2007)

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Herr Professor Eberhard:
Ich freue mich, dass ich wieder einmal aufgrund meiner Ahnungslosigkeit eingeladen wurde, eine Ausstellung zu eröffnen. Wie Sie wissen, bin ich fachfremd. Ich kenne mich nicht aus in der Szene. Ich bin ein Besucher, der keine Ahnung hat von Kunst, aber vielleicht ein paar Ahnungen. Oder um Karl Kraus abzuwandeln: "Es reicht nicht aus, keine Ahnung zu haben. Man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken." Genau darum geht es mir heute Abend, oder eigentlich geht es immer darum, wenn man sich visueller Kunst und Musik verbal nähert. Die Begriffe sind Spelz der Sonnenblumenkerne, mit denen wir die Arenen der Öffentlichkeit bedecken. Kennzeichen von Kunst ist, dass sie immer gerade dort ist, wo der Begriff nicht ist: Hase und Igel. Trotzdem mühen wir uns weiter redlich ab, die Kunst in Worte zu fassen, und manchmal wollen das die Künstler auch selbst.

Heute abend werden wir mit den Werken von vier Künstlern konfrontiert, die gemeinhin nicht mit Namen der sogenannten alten oder neuen Leipziger Schule aufgezählt werden. Ehrlich gesagt, stört mich das Label der "Schule" ohnehin. Es gibt nämlich weder nur eine Leipziger Schule, noch sollte man überhaupt in der Malerei immer in dieser Schulterminologie denken. Es ist eine Form von Bequemlichkeit, die sich zudem kommerzialisieren lässt, wie alles, was zur Bequemlichkeit neigt. Ich wenigstens verbinde so manchen schlechten Traum mit Schule. Bis heute sehe ich mich in Träumen nachsitzen oder vier Jahre Mathematik nachholen. Wenn wir also nicht von Schule sprechen sollten, so stellt sich die Frage: warum stellen diese vier Künstler gemeinsam aus? Haben sie überhaupt etwas gemeinsam? Oder ist es der unreine Zufall, der sie zusammenbringt?

Diese Frage stellte sich mir immer dringender, je näher die Ausstellung rückte. Warum hatte ich mich darauf eingelassen, gleich vier auf einmal vorzustellen?
Was macht man bei Problemen? Man sollte auf der Suche nach einer Lösung nicht, jedenfalls nicht nur in die Ferne schweifen, sondern ganz in der Nähe suchen, denn meist liegt die Lösung auch dort, auf dem „langen Weg nach nebenan.“ Unter der Nase gar. Und da fiel es mir wie Schuppen aus den Augen. Bislang habe ich mehrmals ein Wort gebraucht, dass diese Künstler vereint: vier. Nach einem Sherlock-Holmes-Roman von Arthur Conan Doyle möchte ich meine losen Gedanken daher so nennen: The Sign of Four/ Das Zeichen der Vier. Von nun an ging alles schnell und einfach. Die Vieren tauchten an jeder Ecke auf. Zum Beispiel sagte Gregor Gysi im Deutschlandfunk plötzlich, er liebe dieses Deutschland nicht so sehr als Vaterland, sondern weil es hier vier Jahreszeiten gibt und man mithin sozusagen klimatischen Zugang zu allen Formen des Wetters und der Temperatur auf der Welt habe. Das Klima ist also multikulturell, besser: eine Tetrakultur. Dann stellte ich fest, dass vier das einzige Zahlwort im Deutschen ist, das genauso viel Buchstaben enthält, wie der Zahlenwert, den es bedeutet! Im Russischen gilt das für die Drei, tri, im Spanischen für die Fünf, cinco. Mit anderen Worten, es geschieht hier etwas Seltenes: nämlich die Zahl und die Sprache werden eins.

Gerade habe ich den Roman einer polnischen Autorin, Olga Tokarczuks Ur und andere Zeiten gelesen. Sie erzählt eine magisch-mythische Geschichte über Familien und Einzelgänger in einem polnischen Dorf. Eine der Figuren ist ein leicht behinderter Mann, der wasserköpfige Izydor. Gegen Ende seines Lebens entdeckt er die Zahl vier. Es beginnt damit, dass er ein Fernglas erhält, und nun stellt er fest, dass es vier Himmelsrichtungen gibt:

Dann entdeckte Izydor, dass die meisten wichtigen Dinge auf der Welt eine Vierheit bilden. Er nahm einen Bogen grauen Papier und zeichnete mit dem Bleistift eine Tabelle. Die Tabelle hatte vier Rubriken. In die erste Reihe schrieb Izydor:

Westen Norden Osten Süden

Und gleich darunter schrieb er:

Winter Frühling Sommer Herbst

Er hatte das Gefühl, die ersten Worte eines außergewöhnlich wichtigen Satzes aufgeschrieben zu haben.

Von nun entdeckt er überall in der Natur und in der Geschichte Vierheiten: Sauer, süß, bitter und salzig; Wurzel, Stengel, Blüte, Frucht; Grün, Rot, Blau, Gelb; Auge, Ohr, Nase, Mund; Links, Oben, Rechts, Unten. Das ist nur der Anfang, und, meine verehrten Damen und Herren, Sie können sich jetzt daran machen, die Vierheiten auf die anwesenden Künstler zu verteilen:

Die vier Propheten des Alten Testaments, die vier Flüsse des Garten Eden, die vier Antlitze der Cherubim (Mensch, Löwe, Ochse, Adler), die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, die vier Erztugenden Mut, Gerechtigkeit, Klugheit, Mäßigkeit. Die vier Komponenten der Alchemie, die vier Aspekte der Zeit oder die vier Elemente des Aristoteles.

Wir wollen es lieber nicht weitertreiben. Aber dieser Gang durch die Symbole und Wesenheiten des Universums bringt uns vielleicht tatsächlich auf eine Gemeinsamkeit der vier Künstler zurück.

Symbolik, Zahl und Geometrie, aber auch der Widerstand zwischen Leben und Zahl, Chaos und Ordnung, Zufall und Notwendigkeit spielen bei allen eine Rolle. Bei allen lässt sich das Spiel, auch die Auseinandersetzung mit Polaritäten feststellen: die Polarität geistiger Himmelsrichtungen und immer wieder der Versuch einer Ausrichtung auf ein Zentrum des Fühlens und Erlebens.

Im Folgenden einige, notgedrungen kurze Anmerkungen zu den einzelnen Künstlern. Mehr als subjektive Assoziationen kann ich nicht bieten, aber sie können ja Ausgangspunkt Ihrer eigenen Betrachtungen werden. Vor der Ausstellung habe ich einige Künstler in ihren Ateliers besucht.

Günter Huniat

Ich bin oft daran vorbei gefahren, an diesem kleinen Park, nicht weit von Aldi, im Leipziger Südosten, in Stötteritz. In Huniats Freiluftgalerie erheben sich Masken und Figuren aus sächsischem Laub und man fühlt sich in Afrika. Die Seele sendet ihre Figuren in den Himmel. Das erste, was ich von dem Künstler zu hören bekam, ist dieser Ausspruch von Karl Valentin: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit." Er hängt zufälligerweise auch vor meiner Tür in der Uni. Günter Huniat stammt aus Böhmen, er war Möbeltischler und Sozialpädagoge, aber ist seit 1971 freischaffender Künstler. Er wie die anderen, die heute hier vertreten sind, sind auch schon zu DDR-Zeiten angeeckt und haben ihre schrägen Bahnen befahren. Auf Huniats hier ausgestellten Bildern finden sich viele Köpfe, in denen baumartige Strukturen hineingemalt sind. In den Köpfen wächst etwas, manchmal wissen es die Kopfbesitzer, manchmal nicht. Es können auch Stäbe sein, die etwas rigide sind und die Bewegung verhindern, Pulverstöcke, Opferstöcke, Gabeln und Telegraphenstangen. Mich erinnern diese Bilder auch an den merkwürdigen Fall des Phineas Gage, der in die Geschichte der Neurologie eingegangen ist. Es handelt sich um einen amerikanischen Eisenbahnarbeiter im 19. Jahrhundert. Bei einem Unfall durchbohrte eine Stange seinen Kopf. Er überlebte nicht nur, sondern schien auch nach der Heilung keine weiteren Schäden davonzutragen. Und doch bemerkten seine Bekannten, dass er sich verändert hatte. Er konnte alles, rechnen, schreiben und so weiter, nur fühlen konnte er nicht mehr, er hatte keine Zu- oder Abneigungen mehr, keine Sympathie oder Empathie. Als Fühlender war er tot. So muß es nicht mit diesen Bildern sein, aber sie erinnern daran, dass wir von Weltstangen gehalten wie durchbohrt werden können. Weltenbaum Yggdrasil, in dem wir wurzeln, oder technisches Gestänge, mit dem wir uns entwurzeln.

Huniat trägt jetzt gerne kleine Schriftfragmente in die Bilder ein, so dieses: "Nein, sagte mein Gefühl, aber…" – "Guru der Kleingläubigen" oder "als Schatten bist du eine Legende."

Harald Bauer

Solche Einschreibungen nimmt Harald Bauer ebenfalls gerne auf. Meist sind sie noch weiter verkürzt, nur noch Zeichen, Kommunikationsreste oder Anfänge von Kommunikationen. Zeichen an der Wand, herausgerissene, auf- und abgelesene Zeichen, Zu- und Abfälle, Menetekel. Eine lockere unsichtbare Hand, die alles zusammenfügt, völlig entspannt. So taucht eine Zahl, eine Straßennummer in einem Tuch auf, eine Luftklappe, Buchstaben, hebräische Buchstaben, ein chinesisches Zeichen für den Genitiv, das aussieht wie eine sich in die Luft erhebende Tänzerin und auch dem Ideogramm für Mensch ähnelt. Karelische Bildzeichen, prähistorisch, postmodern zugleich. Auch damals gab es Fischer-Arts, die die Felsen endlos bedeckt haben mit ihren Kritzeleien.

Der Zufall leitet mich durch sein Atelier.

Zufall? Ja, aber er wird eingerahmt und dadurch zu etwas Bedeutendem. "Ich geb nichts Ungerahmtes raus – die Leute wollen heute die Bilder nur noch an die Wand nageln." Der englische Schriftsteller und Zeichner G.K. Chesterton sagte einmal, das wichtigste an einem Bild sei der Rahmen. Darüber könnte man philosophieren: über die schöpferische Kraft durch Begrenzung. Das gilt auch für die Räumlichkeit, denn Harald Bauers Atelier, zumindest der untere Raum, ist niedrig. Wie er mir verriet, geht er nur noch abends in dieses Atelier, weil er dann etwas geschrumpft ist und besser reinpasst.

Harald Bauer stammt aus Ostpreußen, er kam 1948 nach Leipzig, und machte sich ab 1958 auf den autodidaktischen Weg zur Malerei. Daneben lernte er Maschinenbau und wurde Ingenieur. Ab 1973 betrieb er auch Keramik. Nach der Wende brachten ihn Reisen nach Israel, Skandinavien und andere Länder, Reisen, die auch für die Zufälle seiner Kunst reichhaltig waren. Er hat alleinerziehende Mütter und Arbeitslose in einer schwierigen Zeit aufgebaut, indem er sie in diesen Jahren in die Keramik und das Töpfern einführte. 1994 gründete er mit Huniat und Hael Yggs die Erste Leipziger . Man sieht die drei auf einem Foto, sie winken von einem Balkon herab.

Michael Möbius

In seinem Atelier war ich noch nicht, es gibt also keine hilfreichen Zufälle oder Zitate, nur die Bilder. Zum Beispiel die Katze auf dem roten Tisch. Oder ist der Tisch ein Abgrund und mithin die Katze ein Wunder? Wunder kommt von wundern, vielleicht ist Wunder auch eine Steigerungsform von Wunde? Also es gehen Rissen durch seine Realitäten, die Wahrnehmung kippt. Auch bei den Aktbildern ist dies der Fall: ein Akt könnte zugleich ein Gesicht sein, das Gesicht ein Akt. Eine Hauswand könnte nur aus Fenstern bestehen, aus Fernsehapparaten, aus durchsichtigen Zellen. Eine Halluzination zwischen Plan und Bau.

Poröse Materie, und aus ihr dringen Gesichter. Eine Brücke über einem Abgrund, oder ist die Brücke der Abgrund?

Geboren wurde er in Hartha. Nach dem Kunstpädagogikstudium in Leipzig war er in der Denkmalpflege, Werbung und Kulturarbeit tätig. Wie Hael Yggs und Harald Bauer ist er Mitglied der Freiluftgalerie Stötteritz. Ich habe diese Galerie ja gesehen, aber wenn ich nur die Worte sehe, stelle ich sie mir so vor wie einen Fesselballon, der in Form eines langen Balkons über Leipzig schwebt.

Einen Zufall immerhin kann man bearbeiten. Der Name Möbius ist in ganz anderer Weise mit dem Kippen von Wahrnehmung verbunden, nämlich durch den Leipziger Astrophysiker A.F. Möbius, dem Erfinder der Möbiusschleife. Auf der Suche nach einer Fläche, die nicht zwei Seiten, sondern nur eine hätte, stiess dieser Gelehrte des 19. Jahrhunderts auf die schleifenförmig gefaltete Bahn. Wer einmal eine Figur darüber hinwegschickt, wird feststellen, dass diese Figur immer auf derselben Fläche bleibt und trotzdem die Ober- und die Unterseite umwandert. Der holländische Maler Escher hat die Möbiusschleifen immer weiter verfeinert. Sie ist gleichsam ein Zugang zu einer anderen Dimension, vielleicht der vierten, und das bringt uns zur Quartessenz:

Haell Yxxs

Über seinen Namen möchte ich lieber nicht meditieren, denn er folgt sowohl der alten Rechtschreibung wie der neuen sowie der reformierten neuen, bzw. modifizierten alten.

Sagen wir lieber sogleich, dass er existiert, dass er geboren wurde, und zwar vorwiegend in Bautzen, seit 1962 unter anderem als Segelflieger und Gitarrist tätig war, Physik studierte, eine Zeitlang in Zwickau lebte und webte (warum nur schwache Verben für solche großen Worte? Also doch besser, wo er lob und wob), sich den Sternen verschrieb bzw. verschrob, der Schwerkraft sich enthob, der schwarzen Materie des Weltraums sich ergab, was alles mit nichts anderem zusammenhängt als mit diesen zeitweise ausgeübten Berufen des Fliegers und Musikers. Hael Yxxs ist der Überflieger und Obertöner in dieser Ausstellung. Ich habe ihn Quartessenz genannt, weil er doch etwas anderes als die anderen drei arbeitet und denkt. Er ist also so etwas wie die 3,1… dieser Ausstellung, genauer auch 3,145, aber ganz genau wird man es nie angeben können, denn es handelt sich um eine Zahl mit unendlichen Stellen hinter dem Komma und sie heißt bekanntlich Pi. Die Quadratur des Kreises findet niemals statt, weil diese Stellen hinter dem Komma nie aufhören werden, auch wenn New York inzwischen schon erstickt in dem Computerpapier, das zwei russische Brüder dort seit Jahrzehnten ausdrucken mit neu gefundenen Stellen. Jede Stelle ist unerwartet, sie ist nie vorauszusagen, so wenig wie die Arbeit des Hael Yxxs, der auch Pi selbst gerne anpixelt. Siehe hier die Installation. Man sagt auch, dass er mit Newton zusammenarbeitet, um die Bewegungen der Planeten bildlich oder akustisch umzusetzen. Was ihn von den anderen unterscheidet (und dadurch eben alle verbindet), ist, dass er sich auf einer vorausliegenden Tiefenstruktur mit der Wahrnehmung beschäftigt.

Wahrnehmung selbst wird bei ihm beobachtet und analysiert. Bei Hael Yxxs löst sie sich auf in ein neuronales Gewitter, in Punkte, und je näher du an sie herangehst, um besser etwas erkennen können sehen, desto schlechter siehst du. So sind wir fortwährend Mitschöpfer. Wahrnehmen heißt miterschaffen. Und es kommt auf die Distanz an. Der Maßstab erschafft und zerstört.

Wir haben nach diesen mühsamen Überlegungen also festgestellt, daß 3 plus 1 vier ist und am besten als 3,14 auszudrücken ist. Das Ergebnis ist wie gesehen unendlich, unendlich wie die Möglichkeiten der Vier: das Vierfarbenproblem der Kartographie (das erst 1979 gelöst wurde), die vier Finger von Micky Maus, die vier Gramm Salz, die sich in einem Liter Schweiß befinden oder Adams angebliche vier Söhne (zwei müssen unehelich gewesen sein). Drei mal vierzehn ergibt zu alledem noch 42, und das ist ja bekanntlich die Antwort auf alle Fragen des Universums. Uns genügen heute abend und noch für einige Wochen: vier Künstler. Kolorieren wir unsere Landkarten mit ihren Farben, lassen wir uns von ihren Konturen, Grenzen und Landschaften, von ihrem Spiel mit Wirklichkeit und Unwirklichkeit inspirieren!

Und wenn Sie einen Rat brauchen, in welcher Verfassung man sich diesen Bpildern, oder vielleicht allen Bildern nähern sollte, so kann ich diesen weitergeben. Ich fand den Ausspruch an der Wand in Harald Bauers Atelier:

"Wenn du suchst, was ist das anderes, als Schall und Rauch nachzujagen. Wenn du nicht suchst, worin unterscheidest du dich dann von Erde, Holz und Stein? Du musst suchen, ohne zu suchen. (Fo Yan)

Elmar Schenkel