21. Dezember 2003


Aus "Residenzhotels" werden nach Olympia Wohnungen und Büros

Trotz aller Querelen rund um die Olympia GmbH: Im Rathaus arbeiten die Planer weiter mit Hochdruck an einer erfolgreichen Bewerbung für die Spiele 2012. In unserer Serie machen wir den aktuellen Stand der Dinge öffentlich. Nach Olympiapark, Olympischem Dorf, Alter und Neuer Messe, Südraumentwicklung und Medienzentrum geht es im heutigen fünften Teil um die 42 000 Hotelzimmer, die Leipzig vorweisen muss, wenn es den Zuschlag für Olympia erhalten will.

Die größte Herausforderung für die Olympischen Spiele 2012 ist nicht der Bau der notwendigen Sportstätten, Straßen und Tunnelverbindungen - der größte Kraftakt für Leipzigs Planer ist die Unterbringung der zu erwartenden Gäste. Bislang verfügt die Stadt nicht über genügend Hotelbetten, um einem Olympia-Ansturm standzuhalten. Darüber hinaus stößt das Konzept der kompakten Spiele an natürliche Grenzen - wer ungewöhnlich kurze Wege zwischen Sportstätten, City und Olympischem Dorf organisieren will, kann dazwischen nicht viele neue Hotels aus dem Boden stampfen.

Hinzu kommt ein Handicap, das alle Städte haben: Die Hotelkapazitäten, die für ein Mega-Ereignis wie Olympia geschaffen werden müssen, können nach den Spielen nicht annähernd ausgelastet werden. Die Hotelbranche hält sich mit solchen Investitionen zurück, und Leipzigs Olympiaplaner versuchen erst gar nicht, diese im großen Stil zu außergewöhnlichen Schritten zu animieren.

"Wir setzen bei den Hotelbetten nur auf ein moderates Wachstum von 1,5 Prozent jährlich", sagt Planungschef Engelbert Lütke Daldrup. Angesichts des überdurchschnittlichen Wachstums der Tourismusbranche in Leipzig sei dies "ein sehr konservativer Ansatz" - also ein Mindestwachstum, durch das bis zu den Spielen im Jahr 2012 gut 2000 zusätzliche Zimmer entstehen. Im für Olympia relevanten 50-Kilometer-Radius würden dadurch Leipzigs Kapazitäten im 3- bis 5-Sterne-Bereich von derzeit 26000 auf 28000 Zimmer steigen.

Doch damit wären die Anforderungen nicht einmal annähernd zu erfüllen, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) an alle Bewerberstädte stellt. Denn die Herren der Ringe fordern mindestens 42000 Zimmer im 3- bis 5-Sterne-Bereich. Der Grund: Sie müssen unter anderem 17000 Medienleute unterbringen, 7000 Sponsoren, 2000 Schieds- und Wertungsrichter, 1800 Spitzenfunktionä-re der Welt-Sportverbände und viele andere mehr.

Um für alle ausreichend Platz zu schaffen, setzt die Stadtverwaltung auf das Konzept "Residenzhotels". Damit sollen mindestens 9500 Zimmer in Leipzig und Halle zusätzlich entstehen - davon drei Viertel im 3-Sterne-Bereich. Das Projekt trägt intern auch die Bezeichnung "Stadtwohnen für Olympia" und zielt darauf, dass Gründerzeithäuser und City-Apartments saniert werden. "Solche Residenzhotels werden wie normale Hotels ausgestattet und betrieben und werden nach den Spielen wieder in Wohnungen beziehungsweise Büros zurückverwandelt", skizziert Engelbert Lütke Daldrup den Ansatz. "Betreut werden diese Anlagen von Leipziger Partnerhotels, die dort auch ihren speziellen Rundum-Service anbieten."

Die Olympiaplaner wollen für diese besonderen Hotels bevorzugt gut gelegene Häuser nutzen, die sich mit vertretbarem Sanierungsaufwand zu Schmuckstücken machen lassen. In Leipzig wurden zehn Standorte ausgewählt, darunter der unsanierte Teil des Duncker-Viertels, das dicht vor dem Eingangstor des geplanten Olympischen Dorfes am Lindenauer Hafen liegt. Auch das am Ring stehende Wintergartenhochhaus soll dafür im Gespräch sein. "Wir haben schon mit den großen Wohnungsgesellschaften und den Genossenschaften über geeignete Objekte geredet", so Lütke Daldrup. "Wenn wir den Zuschlag für Olympia erhalten, wird natürlich auch mit interessierten privaten Anbietern verhandelt. Am Ende werden die Projekte realisiert, die am besten gelegen sind und das beste Preis-Leistungs-Verhältnis haben."

Während über einen Teil der ausgewählten Objekte noch verhandelt wird, ist das erste schon weitgehend unter Dach und Fach. Denn die Stadt will dem IOC vor der Vergabeentscheidung am 6. Juli 2005 in Singapur beweisen, dass ihr Konzept Hand und Fuß hat.

Für dieses Pilotprojekt wurden die Häuser Jahnallee 6 bis 22 ausgewählt, die als modernes "Premium Guest House" mit Restaurant, Bar, Wellness- und Fitnesscenter gestaltet werden sollen. Die unsanierten Gebäude an der Nordseite der Jahnallee haben eine gemeinsame Straßenfront mit der stattlichen Länge von 200 Metern und wurden 1951 gebaut. Alle gehören der stadteigenen Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB), die nun bis Mitte 2005 rund 190 Zimmer in der 4-Sterne-Kategorie schaffen will. "Die unrentierlichen Kosten dieses Projekts werden mit Fördermitteln abgedeckt", so Lütke Daldrup. Insgesamt würden rund 18 Millionen Euro investiert, von denen rund 50 Prozent als Fördermittel zur Verfügung stünden. "Wenn das Objekt im Jahr 2005 fertig ist, könnte es bis zu den Olympischen Spielen zum Beispiel alsBoardinghaus oder als Senioren-Wohnresidenz genutzt werden", meint LWB-Sprecher Gregor Hoffmann.

Parallel dazu will die Stadt das seit Jahren verwaiste Hotel Astoria wachküssen. Wie berichtet, soll es dafür rund 20 Millionen Euro öffentliche Zuschüsse geben. Der Eigentümer, die Deutsche Interhotel Holding in Berlin, bezifferte das gesamte Investitionsvolumen allerdings auf rund 90 Millionen Euro -für den Fall, dass rund 350 Zimmer im Fünf-Sterne-Standard entstehen. Dem Vernehmen nach sollen inzwischen auch andere Investoren an dem Projekt interessiert sein.

Im olympischen Beherbergungskonzept enthalten ist auch der Bau eines Mediendorfes, das einen Großteil der erwarteten Journalisten aufnehmen soll. Insgesamt 6500 Zimmer mit 3-Sterne-Standard sollen so noch zusätzlich zum Konzept "Stadtwohnen" entstehen. Favorisiert werden dafür freie Flächen östlich dicht am Hauptbahnhof.

Der größte Teil der privaten Olympia-Besucher wird voraussichtlich in Hotels der weiteren Region unterkommen. Dort stehen etwa 100 000 Zimmer zusätzlich zur Verfügung. "Reiseveranstalter akzeptieren bei Olympischen Spielen Anreisezeiten von ein bis zwei Stunden", sagt Engelbert Lütke Daldrup. Damit würden auch die Hotelkapazitäten von Weimar, Erfurt, Dresden und Berlin interessant. "Bis 2012 werden die Bahnverbindungen zu diesen Städten soweit verbessert, das attraktive Reisezeiten gegeben sind", ist der Planungschef überzeugt. "Dann brauchen zum Beispiel Olympia-Besucher vom neuen Lehrter Bahnhof in Berlin nur noch eine Stunde bis nach Leipzig."

Andreas Tappert, 24. Oktober 2003

LVZ-Online vom: Sonntag, 21. Dezember 2003