|
'03.97
Selbstentdeckung per Gefühl und
Bildwerk als Spiegel der Seele: Annette Schröter vor
ihrem Bild "Spiegelfinale" (1994/95). Foto: Wolfgang Zeyen
 |
Bilder von Annette Schröter im
"Leipziger Hof"
Es drängt den Betrachter, eine Bildstory zu erzählen
Der Münchener Klaus Eberhard leistet sich in seinem Reudnitzer
Hotel "Leipziger Hof" in der nicht eben brummenden Leipziger
Hotelerie das Konzept eines Art-Hotels: die durchgängige
Ausstattung aller Räume mir originaler Kunst der Region.
Er vermeidet dadurch die allbekannte und einfallslose Drapierung
der Räume mit der hunderttausendsten Kopie von van Goghs
Sonnenblumen.
Wo mitunter in öffentlichen Gebäuden die Überdekoration
mit Kunst zur Lärmbelästigung und der Künstler
zum Raumausstatter verkommt, funktioniert hier das Ambiente:
In den Hotelräumen ist die ältere Generation Leipziger
Künstler vertreten, in der dem Hotel angeschlossenen Galerie
die mittlere und junge Generation. Nach Katrin Kunert, Christl
Maria Göthner, Michael Triegel präsentiert sich nun
eine der interessantesten Malerinnen aus dem Kreis um die Vierzigjährigen,
die aus Meißen stammende Annette Schröter.
Eine der ersten Ausstellungen der 1956 geborenen und an der
Leipziger Kunsthochschule bei Dietrich Burger, Wolfgang Peuker
und Bernhard Heisig ausgebildeten Malerin fiel in die Zeit der
Entstehung einer Legende: Als noch nicht abzusehen war, daß
Judy Lübke einer der umtriebigsten Galeristen für
junge Kunst und Werbeträger für n-tv werden würde,
als ihm der Stasi-Knast noch näher war als seine eigene
Galerie Eigen+Art, begann er in seiner Wohnung am Körnerplatz
private Ausstellungen zu inszenieren. Das Programm von damals
startete mit dem programmatischen Titel "Die neuen Unkonkreten"
und meinte natürlich die Abkehr von der überrealistischen,
mit einem immer erhobenen moralischen Zeigefinger daherkommenden
Politkunst. Im zweiten Jahr, 1985, war auch Annette Schröter
dabei. Es war zugleich ihre letzte Ausstellung im Osten, noch
im gleichen Jahr verließ sie zusammen mit ihrem Mann,
dem Fotografen Erasmus Schröter, die DDR. Arbeitsintensive
Jahre in Hamburg haben zu einer entscheidenden Präzisierung
dessen geführt, was schon in der Leipziger Zeit anklang:
der menschlichen Figur und der technischen Souveränität.
Was jetzt im "Leipziger Hof", im Jahr der Rückkehr in die
Stadt ihrer Anfänge, zu sehen ist, muß als ganz schmaler
Einblick ins Werk begriffen werden. Trotzdem gestatten die dreizehn
Bilder letztlich doch einen Überblick über Annette
Schröters Bildwelt.
Frauen verharren wartend am Fenster ("Wenn der Postmann gar
nicht klingelt", 1995), drei bezopfte Mädchen sitzen apathisch
in einer Waldlichtung ("Sonntagskinder", 1996), zwei Figuren
balancieren auf einer Kugel ("Kunststück", 1994), das imaginäre
Gesicht eines Sängers bricht durch Walddickicht ("Für
den unbekannten Sänger I", 1995). Alltägliche Situationen
scheinbar. Es drängt den Betrachter, eine Bildstory zu
erzählen, aber da ist nichts vorgeplant. Keine überambitionierten,
symbolschwangeren Gleichnisse, obwohl immer wieder Grundmuster
der Sehgewohnheiten auftauchen, die einen denken lassen: "Aber
das soll doch...!?" Man wird nicht in eine Rätselstunde
geführt, fast nichts funktioniert zuerst über den
Kopf. Was gewollt ist: Selbstentdeckung per Gefühl und
Bildwerk als Spiegel der Seele ("Kleines Spiegelbild", 1996).
Annette Schröter geht es um existentielle Grundsituationen,
um Momente zwischen den Ereignissen. Es ist geschehen oder es
wird geschehen. Da ist Sehnsucht, da ist Gier, da wird Einsamkeit
sein, da wird Tristesse herrschen. Sie mutet uns eine retardierende
Aggressivität zu, eine Armut an Handlung, nie jedoch an
bildnerischer Qualität. (Diese bricht in zwei Fällen
weg, wo die Bildspannung zugunsten einer in die Abstraktion
neigenden Bildstruktur aufgegeben wird, "Portrait Gaby" 1995;
"Auf dem richtigen Dampfer",1996). Die Malerin gefriert bei
allem leuchtendem Farbfeuerwerk fast panisch machende Momente
des "Was wird passieren?" ein. Das Verharren erscheint als Thema.
Und bei genauerer Betrachtung wird klar, daß sich hinter
dem postmodernen Touch eine Malerei verbirgt, die zum ans Mark
greifenden Mythos drängt. Es werden "eine" Momente vorgeführt,
denen die banale Wirklichkeit noch nichts oder nichts mehr anhaben
kann.
Peter Guth
Bis Ende März im "Leipziger Hof", Hedwigstr., Mi - Frei,
16 - 18.30 |