Neo Rauch
muss warten
Galerie "Leipziger
Hof" wagt Onlineauktion und stolpert
Es hätte spannend werden
können heute Abend bei eBay. Denn dann Punk 22.19 Uhr
sollte die Auktion eines ausgewachsenen Neo Rauchs enden,
"Marineschule" von 1995, Öl auf Papier, 107
mal 78 Zentimeter, Startpreis 71 500 Euro. Meist beginnen
eBay-Auktionen bei einem Euro. Doch der Leipziger Maler
wird längst zu fantastischen Preisen gehandelt, da
kann für die einen ein Schnäppchen sein, was für
andere ein dreifaches Jahresgehalt bedeutet. Stellt sich
nur - eben das ist so spannend - die Frage, ob betuchte
Sammler tatsächlich bei eBay mitbieten, gilt doch die
Regel: Kunst kauft man, sofern man sie sich leisten kann,
beim Galeristen seines Vertrauens. Im weltweiten Computernetz
wimmelt es von ersponnenen Identitäten.
Im Fall der "Marineschule" aber ließ sich
die Identität des Verkäufers leicht überprüfen,
und sie hält jeglicher Prüfung Stand. Handelt
es sich doch um den "Leipziger Hof", einer sympathischen
Kombination aus Hotel und Galerie in Leipzigs Osten. Will
man Einblick in die Leipziger Malerschule erhalten, führt
hier eh kaum ein Weg vorbei - wenn auch die vor nicht allzu
langer Zeit eröffnete Kunsthalle der Sparkasse inzwischen
zur ersten Adresse geworden sein mag.
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| Stellte Kunstwerke ins Internet: Klaus
Eberhard. (Foto: Armin Kühne) |
Als "Leipziger Hof"-Hausherr
Klaus Eberhard, Professor für Atomphysik, in den 90er
Jahren anfing, hiesige Kunst zu sammeln, war das Interesse
an Malerei aus Leipzig noch gering, Neo Rauch weitgehend
unbekannt. Inzwischen ist die "Marineschule" des
Leipziger Meisters zu wertvoll, um Hotelräume zieren
zu können. Also veräußert sie Eberhard lieber
("Wir sind ja auch eine Galerie") und investiert
statt dessen in junge Kunst.
Doch auch was der "Leipziger Hof" sonst zur Auktion
freigegeben hat, konnte sich sehen lassen: Ein Mattheuer
von 1972, ein Arno Rink von 1965, eine Käthe Kollwitz-Lithographie,
die das Museum der bildenden Künste vor einigen Jahren
versteigert hatte. Auch ein mögliches Schnäppchen
fand sich: Ein Aquarell von Harry Blume, ehedem Professor
an der Hochschule für Grafik- und Buchkunst, stand
ab einem Euro zum Verkauf.
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| Zu verkaufen: Harry Blume: "Spalierbaum
im Herbst", Aquarell 35 x 47 cm, 1988 |
Doch eBay machte Eberhard
einen Strich durch die Rechnung: "Angeblich haben wir
irgend eine Regel missachtet und flogen vorrübergehend
raus", bedauert er. Der Fehler: Um auszuprobieren,
ob es funktioniert, gab Eberhard selbst ein Gebot ab - was
bei eigenen Artikeln verboten ist. Wen die Angelegenheit
mit eBay geklärt ist, soll die "Marineschule"
jedoch eine neue Chance erhalten.
Das Internet ist für Klaus Eberhard seit Jahrzehnten
ein vertrautes Medium. Als er in den USA lehrte, kommunizierte
er mittels eines Wissenschaftsnetzes. Und Kollegen waren
es, die später am Forschungszentrum Cern die Sprache
entwickelten, auf der das WWW basiert: HTML. Natürlich
sind Eberhards eBay-Angebote mit der Möglichkeit einer
Vorbesichtigung verbunden. Lässt sich doch ein adäquater
Eindruck von Gemälden nicht virtuell vermitteln. Schon
deshalb ist bei anderen Auktionen Vorsicht angesagt, bei
denen weder die Identität des Verkäufers ersichtlich
ist, noch Vorbesichtigungen angeboten werden.
Hendrik Pupat