Dass Reinhard Minkewitz zum Besten gehört,
was Leipzig an Zeichnung und Druckgrafik aufbieten kann,
ist inzwischen bekannt und bedarf des Kommentars nicht.
Längst hat er auch die Malerei und die Plastik für
sich entdeckt und macht auch hier eine gute Figur. Das mit
der Entdeckung von Neuland ist freilich so eine Sache, dann
zumal, wenn sie mit Selbstironie (und Minkewitz kann ohne
weiteres selbstironisch sein) gepaart ist. Denn es kann
passieren, dass der Betrachter diese Ironie nicht so recht
begreift. Und eben das widerfährt der Laserschnitt-Skulptur
"Pelzchen" (2002), bei der unter den Schnitten
des durchdringenden Lichts veritabler und kuschelweich erfühlbarer
Pelz hervorlugt. Das steigert zwar die Lust zum Streicheln,
für den einen oder anderen mag Erotik im Spiel sein,
aber die hat insgesamt doch eher etwas Anzügliches.
Das ist deshalb so erstaunlich, weil man Minkewitz sonst
nun gerade Anzüglichkeit bestimmt nicht vorwerfen kann.
Im Gegenteil: Seine Blätter spielen zumeist in einem
edlen geistigen Raum, der sich dem Schmutz menschlicher
Niedrigkeit schlicht verschließt. Irgendwo sind Minkewitz'
Arbeiten immer Gegenentwürfe zu einer moralisch ziemlich
weit herunter gekommenen Welt. Bei ihm ist die Liebe rein,
dito die Landschaft. Und die grafische Linie sowieso.
Im Leipziger Hof kann er diese Eigenschaften großzügig
ausspielen. Aus dieser beeindruckenden Mappe "Lichtungen",
die insgesamt 40 Blätter umfasst, zeigt er die Hälfte.
Dazu die großen Kohlezeichnungen auf Leinwand, die
zwischen Grafik, Malerei und antikisierendem Relief oszillieren.
Reinhard Minkewitz bringt etwas Merkwürdiges fertig:
Er kann zwar den Betrachter auf die Perfektion des technischen
Machens festnageln: Wie er eine Linie poliert, das Korn
in Perfektion bringt ("Zur Morgenzeit"), wie er
Stift, Rohrfeder ("Sternenglanz") oder Punzstich
beherrscht ("Umarmt von Dunkelheit") - das ist
allemal atemberaubend. Aber er kann auch, was für den
Nicht-Grafiker, den "gemeinen Betrachter" viel
wichtiger ist, eine Welt zaubern, die wie an flimmernden
Tagen oder im Dämmerlicht sich permanent zu verändern
scheint, fließende Grenzen hat, noch alles für
möglich hält.
Hier ist die Rede von einer stillen Welt,
die wie Minkewitz' Kunst überhaupt ohne Krach-Bumm
auskommt. Aus diesem stillen Heranarbeiten an das, was Leben
auch bedeuten könnte, schälen sich allmählich,
von Zeichnungen und Malereien begleitet, seine Bildkommentare
zum Gilgamesch-Epos heraus. Die kultivierte Ausstellung
im Leipziger Hof gibt uns die Chance, den Beginn eines wahrscheinlich
wichtigen Werkabschnitts zu verfolgen.
(c) Peter Guth