Ansprache zur Ausstellungseröffnung – Markus Bläser
„Zone 30“
galerie.leipziger-schule im
Galerie Hotel Leipziger Hof am 11.11.2006
Dr. Reinhard W. Bläser
Wenn Prof. Eberhard einem
jungen Leipziger Künstler sein Galerie Hotel „Leipziger Hof“ für eine
Ausstellung zur Verfügung stellt, ist das eine große Annerkennung und ein
großer Erfolg.
Ich möchte mich deshalb bei
Ihnen, sehr geehrter Herr Prof. Eberhard, herzlich bedanken.
Das darf ich zurecht, meine
sehr geehrten Damen und Herren, denn ich bin der Vater des jungen Künstlers,
Markus Bläser, dessen Ausstellung ich heute die Ehre habe, zu eröffnen.
Ein „Herzlich Willkommen“
Ihnen allen hier zur Ausstellung „Zone 30“.
Kommt Ihnen das bekannt vor?
Wenn Eltern beobachten, daß
Ihr Kind sich immer an neuen Dingen probiert?
Wenn das Kind erstmals
Ausdauer für etwas entwickelt, waren Sie dann nicht erst einmal ob der Ruhe
entspannt?
Auch wenn es Entwürfe von
Graffitties sind?
Können Sie sich vorstellen,
wie es ist, wenn das Kind dann nur noch über den Entwürfen brütet, die gesamte
Fußbodenfläche in Anspruch nimmt und zu den üblichen Zeiten die
Nahrungsaufnahme verweigert?
Würden Sie auch mutmaßen,
daß das Kind von einem Virus befallen ist und man einer ernsthaften Erkrankung
vorbeugen muß?
Wohlgemerkt, damals wußten
wir nicht wie heute, daß sich der Virus nicht zu einer vorübergehenden
Erkrankung sondern zur Passion entwickeln würde.
Vorsichtige Eltern versuchen
Risiken von ihren Kindern abzuwenden oder zumindest kalkulierbar zu machen.
Erkennen Sie sich da wieder?
Aber was ist konkret zu tun,
wenn sie selbst die Befähigung Ihres Kindes nicht einschätzen können?
So vermittelte ich Markus
verdeckt zu einem Praktikum in die Siebdruckwerkstadt Zachäus in der
Kochstraße. Auf die Bitte, das Talent von Markus einzuschätzen, erhielt ich von
Frau Zachäus folgendes vernichtendes Urteil:
Reinhard, wenn Du das mit
Deiner naturwissenschaftlichen Sichtweise erkennen könntest, dann könnte Markus
niemals Künstler werden!
Die elterliche
Schlußfolgerung: um das Risiko kalkulierbar zu machen, sollte Markus einen
handwerklichen Beruf dem Kunststudiumn vorlagern, was zur Ausbildung als
Schildermaler und Leuchtreklamehersteller führte.
Noch einmal, so erinnere ich
mich, habe ich unbewußt in die künstlerische Entwicklung eingegriffen, als ich
Markus bei Abschluß seiner Lehre einen Fotoapparat geschenkt habe.
Das Ergebnis – er turnte auf
Ruinen im Leipziger Hafen herum und übte sich an Industriefotografie. Einige
Motive und Anregungen finden sich heute in seinen Werken wieder.
„Der Erfolg kennt viele Väter“,
meine Damen und Herren, heißt es. Und ich muß in aller Bescheidenheit gestehen,
daß ich als Vater kaum einen Beitrag leisten konnte.
Als „Väter des Erfolgs“ sind
viel bedeutendere Namen hier zu nennen, nämlich:
Arndt Schultheiß: hat Markus in der Abendakademie zeichnen gelehrt – Zugang zu den
Formen eröffnet
Prof. Dietrich Burger: hat im Grundstudium das Gefühl für die Farbe
entwickelt und die Lust auf Stadtlandschaften mit Abstraktion kultiviert
Wolfgang Ebersbach: hat mit seiner sehr persönlichen und bescheidenen Ansprache als
„heimlicher Mentor“ gewirkt. Er hat den Spaß an der Perspektive, die räumliche
Sicht gefördert, Stadtarchitektur auf Schwarz/Weiß reduziert.
Er hat Mut gemacht, sich aus
dem eher „Intimen von Burger“ in die „Großflächigkeit bzw. Großzügigkeit“
hinaus zu wagen.
Prof. Arno Rink: bot sich für Markus an als väterliche Reibefläche. Als Reibefläche zum
Abstrakten durch hintersinnige intellektuelle Betrachtungen
Prof. Sighard Gille: lebte während des Meistershülerstudiums die Eigenständigkeit und
Unabhängigkeit vor, indem er selbst lieber beispielhaft malend lehrte als zu
„belehren“
„Zone 30“!
„Zone 30“ – der Name der
Ausstellung, wofür steht es für mich?
Zone ist für mich ein Gebiet
mit einem Zusammenhang. Der muß ja nicht immer eine Mauer sein, wie wir das im
Osten erfahren mußten!
Wenn der Zusammenhang die
„30“ ist, wofür soll sie dann für mich stehen?
Als erstes fiel mir das
Alter ein. Markus ist gerade 30 Jahre alt geworden. Hat er eine Krise? „Hilfe, was tun, ich bin 30?“ Zwischen Jugend und Alter im Nirgendwo
verschollen?
Als zweites war dann die
vielen bekannte unangenehme Benachrichtigung:
Feststellungsort B122,
Abschnitt 80, km 2,870, Höhe Haus am See, Richtg. Canow,
Feststellungstag 16.7.2006
um 14:05 Fahrzeugart PKW, Kennzeichen: M-M 6136
Beweismittel: Frontfoto,
Radarmessung
Zur Zahlung verwenden Sie
bitte beigefügten Zahlungsvordruck!
Hätten Sie das auch mit der
Ausstellung in Verbindung gebracht?
Oder, haben Sie gemerkt, daß
die heutige Ausstellung in einer 30er Zone liegt?
Oder ist es die Lage der
Werkstatt von Markus in der Fußgängerzone?
Vielleicht aber auch die
Langsamkeit, wie sie in Nadolnys Roman
„Entdeckung der Langsamkeit“ beschrieben ist.
Vergleichbar mit dem
erweiterten Fokus, den wir gewinnen, wenn wir nach schneller Autobahnfahrt
abgebremst haben, fast zu stehen scheinen und dafür als Zugewinn erkennen, das
der Papierkorb am Straßenrand überläuft und geleert werden müßte?
Das alles oder etwas davon
wird reflektiert in dem Bild „Limit“, das im Eingangsbereich hängt. In
verkürzter Perspektive betrachtet, wird für Sie die 30 sichtbar werden.
Für mich selbst spielt der
Titel eines Bildes als sprachliche Erweiterung der Bildfläche eine interessante
Rolle.
Der Titel startet bei mir
den Vorgang, die durch die Abstraktion reduzierte Erzählung des Bildes durch
eigene Phantasie zu ergänzen.
Doch lassen Sie mich zum
Abschluß noch einige Worte zur Komposition der Ausstellung sagen:
Die Ausstellung ist durch
die vorgegebenen Räume dreigeteilt.
Die in den ausgestellten
Werken von Markus Blaeser erkennbare Form- und Farb-Reduktion bietet auch
Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, Freiräume.
Freiräume, sich selbst in
die Bilder „einzumischen“, Ihre eigenen Erfahrungen und Phantasien reflektiert
zu sehen
Lassen Sie sich deshalb von
mir auffordern, die Bilder nicht nur frontal wirken zu lassen, sondern auf die
Suche zu gehen nach Ihrer individuellen, ganz persönlichen Perspektive!
Sprengen Sie für sich die
mit dem Bild „Limit“ oder „Zone 30“ vorgegebenen Grenzen!
Dr. Reinhard W. Blaeser