Galerie Hotel Leipziger Hof
Galerie Hotel Leipziger Hof
Hedwigstr. 1-3
04315 Leipzig
Tel: 0341/6974-0

Fax: 0341/6974-150
pressestimmen
Süddeutsche Zeitung, 02. Dezember 1997
Umwerfende Altbauten

Soviele Städte sind es ja letztlich nicht, mit denen man sich ganz persönlich wiedervereinigt fühlt, aber manche sind es dafür ganz besonders. Für mich hat sich schon wegen Leipzig die Sache mit der Einheit gelohnt. Es ist in diesen Tagen genau zehn Jahre her, daß ich zum ersten Mal dort war: Die Kabarettisten Polt und Biermösl-Blosn waren auf DDR-Tour, ich habe ihnen dabei zugesehen. Die stolze Stadt mit ihren zerfallenen Häusern hat mich erschreckt, viele Leipziger haben mir gefallen, zum Beispiel die Zeichner und Cartoonisten - einer hieß Rainer Schade - , die in jenen Herbsttagen des Jahres 87, nach zähen Verhandlungen mit den bekümmerten Behörden, ihre Bilder von den zerfallenen Häusern ausgestellt haben und ein Glas mit original Pleiße-Wasser, das voller Dreck war.

Der Fluß war damals, eben weil er so verschmutzt war, fast in der ganzen Stadt zubetoniert, jetzt wird er gerade wieder stückweise freigelegt: Leipzig ist wirklich nicht mehr wiederzuerkennen. Seitdem ich am vorletzten Wochenende wieder einmal dort war, weiß ich, daß man im vereinten Deutschland auch ein paar schönere Erfahrungen machen kann.

Ich will nun wirklich nicht zu euphorisch werden, die Stadt hat viele Probleme und daß sie ( "Leipzig boomt" ) in Wahrheit Boomtown heißt, hat schon zu oft in den Zeitungen und Prospekten gestanden, als daß man es noch hören könnte. Und trotzdem ist es ein bewegendes Erlebnis, sich einen Tag lang von dem oben erwähnten Rainer Schade durch Specks Hof und die alte Nikolaischule und an all den umwerfend restaurierten Jugendstil- und Art-Deco-Häusern entlang führen zu lassen, die noch vor ein paar Jahren trist vor sich hin gammelten. An vielen Stellen ist die Stadt schon wieder wunderschön, und ich meine da nicht in erster Linie die tausend Banken, die hier überall aus dem Boden sprießen, so daß man sich durchaus fragt, woher sie auf Dauer ihre Kunden nehmen wollen. Leipzig, das ist der stärkste Eindruck, brummt vor Kultur, man kommt in zwei Tagen unmöglich nach, auch wenn man nur einen Bruchteil in zwei Tagen erleben möchte: die aktuelle Jahres-Ausstellung und die spannende ("Lust und Last") über die Malerei in der DDR, den Literarischen Herbst, die sieben Leipziger Kabaretts, die elf Theater und den neuen Kristallpalast mit seinem wenigstens teilweise großstädtischem Varietéprogramm. Was die Leipziger Oper angeht, so hat sie einen höchst umtriebigen Intendanten, der am Freitagabend nach der Premiere der "Nase" von Schostakowitsch zu Recht ziemlich glücklich war. Es wird nicht viele Bühnen geben im vereinigten Land, die dieses schwierige Stück in russischer Sprache so aufführen könnten. Meisterhaft musiziert und gesungen, in einem hinreißenden Bühnenbild.

Gewohnt haben wir übrigens im "Leipziger Hof". Das ist ein interessantes Hotel, das Mut macht in seinem gesamtdeutschen Enthusiasmus. Betrieben wird es von dem Münchener Physik-Professor Klaus Eberhard, der im Zweitberuf aus einem verfallenen Haus ein hübsches Mittelklassehotel gemacht hat und der - vermutlich weil er sonst nicht ausgelastet wäre - auch noch Kunstsammler und Galerist ist. Die Wände des Hotels hängen voll mit 200, oft großartigen Bildern aus und über Leipzig; die Künstler heißen Mattheuer und Heisig und Penck. Fast ein Museum als Hotel, nur komfortabler.

Seit vergangenen Mittwoch gibt es in der Galerie des "Leipziger Hofs" eine Ausstellung mit Bildern von Sighard Gille. Die Rede bei der Vernissage hielt Gerhard Polt. So schließt sich der Kreis.
Herbert Riehl-Heyse



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