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02.12.97
Umwerfende
Altbauten
Soviele Städte sind es ja letztlich
nicht, mit denen man sich ganz persönlich wiedervereinigt
fühlt, aber manche sind es dafür ganz besonders.
Für mich hat sich schon wegen Leipzig die Sache mit
der Einheit gelohnt. Es ist in diesen Tagen genau zehn
Jahre her, daß ich zum ersten Mal dort war: Die Kabarettisten
Polt und Biermösl-Blosn waren auf DDR-Tour, ich
habe ihnen dabei zugesehen. Die stolze Stadt mit ihren zerfallenen
Häusern hat mich erschreckt, viele Leipziger haben mir
gefallen, zum Beispiel die Zeichner und Cartoonisten - einer
hieß Rainer Schade - , die in jenen Herbsttagen des
Jahres 87, nach zähen Verhandlungen mit den bekümmerten
Behörden, ihre Bilder von den zerfallenen Häusern
ausgestellt haben und ein Glas mit original Pleiße-Wasser,
das voller Dreck war.
Der Fluß war damals, eben weil er so
verschmutzt war, fast in der ganzen Stadt zubetoniert, jetzt
wird er gerade wieder stückweise freigelegt: Leipzig
ist wirklich nicht mehr wiederzuerkennen. Seitdem ich am vorletzten
Wochenende wieder einmal dort war, weiß ich, daß
man im vereinten Deutschland auch ein paar schönere Erfahrungen
machen kann.
Ich will nun wirklich nicht zu euphorisch
werden, die Stadt hat viele Probleme und daß sie ( "Leipzig
boomt" ) in Wahrheit Boomtown heißt, hat schon zu oft
in den Zeitungen und Prospekten gestanden, als daß man
es noch hören könnte. Und trotzdem ist es ein bewegendes
Erlebnis, sich einen Tag lang von dem oben erwähnten
Rainer Schade durch Specks Hof und die alte Nikolaischule
und an all den umwerfend restaurierten Jugendstil- und Art-Deco-Häusern
entlang führen zu lassen, die noch vor ein paar Jahren
trist vor sich hin gammelten. An vielen Stellen ist die Stadt
schon wieder wunderschön, und ich meine da nicht in erster
Linie die tausend Banken, die hier überall aus dem Boden
sprießen, so daß man sich durchaus fragt, woher
sie auf Dauer ihre Kunden nehmen wollen. Leipzig, das ist
der stärkste Eindruck, brummt vor Kultur, man kommt in
zwei Tagen unmöglich nach, auch wenn man nur einen Bruchteil
in zwei Tagen erleben möchte: die aktuelle Jahres-Ausstellung
und die spannende ("Lust und Last") über die Malerei
in der DDR, den Literarischen Herbst, die sieben Leipziger
Kabaretts, die elf Theater und den neuen Kristallpalast mit
seinem wenigstens teilweise großstädtischem Varietéprogramm.
Was die Leipziger Oper angeht, so hat sie einen höchst
umtriebigen Intendanten, der am Freitagabend nach der Premiere
der "Nase" von Schostakowitsch zu Recht ziemlich glücklich
war. Es wird nicht viele Bühnen geben im vereinigten
Land, die dieses schwierige Stück in russischer Sprache
so aufführen könnten. Meisterhaft musiziert und
gesungen, in einem hinreißenden Bühnenbild.
Gewohnt haben wir übrigens im "Leipziger
Hof". Das ist ein interessantes Hotel, das Mut macht in
seinem gesamtdeutschen Enthusiasmus. Betrieben wird es von
dem Münchener Physik-Professor Klaus Eberhard, der im
Zweitberuf aus einem verfallenen Haus ein hübsches Mittelklassehotel
gemacht hat und der - vermutlich weil er sonst nicht ausgelastet
wäre - auch noch Kunstsammler und Galerist ist. Die Wände
des Hotels hängen voll mit 200, oft großartigen
Bildern aus und über Leipzig; die Künstler heißen
Mattheuer und Heisig und Penck. Fast
ein Museum als Hotel, nur komfortabler.
Seit vergangenen Mittwoch gibt es in der
Galerie des "Leipziger Hofs" eine Ausstellung mit Bildern
von Sighard Gille. Die Rede bei der Vernissage hielt
Gerhard Polt. So schließt sich der Kreis.
©Herbert Riehl-Heyse
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