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GALERIE HOTEL LEIPZIGER HOF
Hier schlafen Sie mit einem Original




So fing alles an.
Erste Begegnungen mit Leipzig und den Leipzigern.

Aus dem Tagebuch von Klaus Eberhard, das im Herbst 2012 unter dem Titel "Zu Gast bei Mattheuer und Rauch - Tagebuch eines Leipziger Kunstsammlers" im Seemann Verlag erscheinen wird.



Für den Sommer 1990 habe ich mit Freunden einen Urlaub auf Bornholm geplant. Die Wende im Herbst 1989 ermöglicht nun, mit dem Auto durch die DDR zu fahren und in Saßnitz die Fähre nach Bornholm zu nehmen.

Vor der Abreise legt mir ein Freund in München noch ans Herz, einen Zwischenstopp in Leipzig einzulegen, das ja am Wege liegt.
"Wir müssen in Leipzig was machen", sagte er, "mein Neffe kennt viele Leute, die Häuser verkaufen möchten. Ich arrangiere ein Treffen mit ihm".

In Leipzig war ich vorher nie. Das ist erstaunlich genug für einen Physikprofessor mit dem Spezialgebiet Kernphysik. Denn Leipzig war die Hochburg der Kernphysik in den 30-iger Jahren und während des Zweiten Weltkriegs. Hier wirkte Werner Heisenberg und hatte die besten Kernphysiker weltweit um sich versammelt. Auch war er der Vorsitzende des Uranvereins, der mit dem Bau der Atombombe beauftragt war.

Zahlreiche Schüler von Heisenberg erhielten später den Nobelpreis. Edward Teller promovierte bei Heisenberg in Leipzig und wurde zum Vater der Wasserstoffbombe in den USA. Auch wurde hier, im Physikalischen Institut der Universität in der Linéestrasse 5, im Jahre 1942 erstmals eine Kettenreaktion experimentell nachgewiesen: der Beweis dafür, dass ein Kernreaktor, den man damals noch eine Uranmaschine nannte, funktionieren würde. Den Kreis um Heisenberg nannten die Kollegen in aller Welt "Leipziger Schule". Welch eigenartige Koinzidenz mit der heutigen "Leipziger Schule" der Malerei; mich hat die eine wie die andere in meinem Leben fasziniert und beschäftigt.

Erstaunlicherweise wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die Kernphysik an der Universität Leipzig aufgegeben. Manfred von Ardenne hatte eine Vorliebe für Dresden und baute in Rossendorf das Kernforschungszentrum der DDR. So war ich beruflich in Dresden, Krakau und anderen Städten ‚hinter dem Eisernen Vorhang', aber eben nie in Leipzig.

Doch zurück zur Reise nach Bornholm. Wir fahren auf der alten Interzonenautobahn in Richtung Leipzig mit zu hohem Tempo, werden erwischt und fürchten Schlimmes. Denn es ist uns noch gut in Erinnerung, dass bei Transitfahrten durch die DDR bei solchen Anlässen oft kräftig abgezockt wurde.

Die Zeiten haben sich geändert. Der Volkspolizist schaut freundlich ins Auto, lacht uns an trotz unserer Überziehung um mehr als 30 km/h. Er fragt uns und scheint fast ein wenig verlegen dabei zu sein: "Sind Sie mit einem Strafmandat von 20 DM einverstanden?"
Natürlich sind wir es, er wünscht uns eine gute Fahrt und wir brausen weiter - ab jetzt mit erlaubter Geschwindigkeit.

In Leipzig nimmt uns Peter Linke, der Neffe meines Münchner Freundes, in Empfang. Er hat uns im Hotel "Merkur" einquartiert. "Es ist nicht einfach, in diesen Tagen eine Reservierung in einem der wenigen Hotels zu bekommen", erläutert Peter Linke und fügt voll Stolz hinzu:
"Aber ich habe gute Beziehungen. Meine kleine Firma hat bei den Montagsdemonstrationen auf dem Karl-Marx-Platz die Lautsprecheranlage für Apelle und Reden zur Verfügung gestellt".

Am nächsten Tag zeigt er uns einige Häuser, die seiner Meinung nach zum Verkauf stehen, sicher ist er nicht. Über Preise oder Modalitäten für einen Kaufvertrag ist ohnehin nichts bekannt.

Das Anschauen der Häuser gleicht fast einer Geheimmission. "Es ist besser die Bewohner merken nichts", bittet uns Peter Linke, "alle machen sich Gedanken was aus ihrer Wohnung wird, wenn das Haus den Besitzer wechselt".

So können wir die Häuser nur von außen anschauen und tun das möglichst unauffällig. Dennoch sehen wir, wie einige Bewohner hinter den Gardinen auf uns blicken. Ich fühle mich unwohl. Gerade dieses Bild der verunsicherten Bewohner hat sich bis heute bei mir eingeprägt.

Am nächsten Tag sind wir in Saßnitz und reihen uns in die Schlange zur Fähre nach Bornholm ein, die fast durch die ganze Stadt geht. Auf der Rückfahrt planen wir noch ein paar zusätzliche Urlaubstage auf Rügen ein und sind begeistert von der Schönheit der Insel.
"Wie viel schöner wird die Insel in einigen Jahren sein, wenn die zahlreichen industriellen und militärischen Anlagen sie nicht mehr verschandeln", sind wir überzeugt.

Im Hotel ‚Merkur' in Leipzig treffen wir wieder mit Peter Linke zusammen. Er zeigt uns weitere Häuser. Preise kann er auch jetzt nicht nennen, ist jedoch der Überzeugung "Man wird sich schon einigen". Zum geflügelten Wort in diesen Tagen wird seine häufige Antwort auf unsere zahlreichen Fragen "Ich werde mich schlau machen".

In München tausche ich Erfahrungen mit Bekannten aus, die auch in Leipzig aktiv sind. Unsere Themen sind meist praktischer Art, beispielsweise, zu welcher Tages- oder Nachtzeit man am besten beim telefonieren 'durchkommt', wo man privat wohnen kann, wenn wieder kein Hotelzimmer frei ist, wohin man am besten zum Essen geht und ähnliche Themen.

Bei der Industrie- und Handelskammer in München versuche ich, mich über die rechtlichen Grundlagen für einen Kauf von Immobilien in der (Noch)DDR "schlau zu machen". Es kommt nichts dabei heraus, Verbindliches kann man mir nicht sagen. Bekannt ist zwar, dass die Modrow Regierung einige Gesetze in dieser Hinsicht erlassen hat und andere plant, doch die Gesetzestexte oder Entwürfe liegen der Industrie und Handelskammer noch nicht vor. Und solange gibt es keine Auskünfte.

Auch bei der Frage nach der Grunderwerbsteuer ernte ich Achselzucken: Ist es günstiger ist, den Erwerb noch zur DDR-Zeit oder besser erst nach dem Beitritt am 3. Oktober 1990 zu tätigen?



"Es ist Messezeit, da ist alles teurer".
Fräulein Noth zur Erhöhung meines Übernachtungspreises, 1990

Mein langjähriger Münchner Tennisfreund Heinz Beyrich stammt aus Bad Salzungen. Eine seiner Schulkameradinnen ist Brigitte Weibrecht, die in Leipzig lebt. Beide haben immer Kontakt gehalten, auch nachdem Heinz in den Westen ging. Er regt ein Treffen von mir mit Frau Weibrecht an.
"Sie kennt Leipzig bestens und kann Dir sicher bei vielen Dingen helfen", empfiehlt er mir.

Frau Weibrecht ist gelernte Fotografin und hat als freie Mitarbeiterin im "Verlag der Frau" in Leipzig für zahlreiche Kochbücher die Fotos beigesteuert. Schon wenige Monate nach der Wende schränkt der Verlag seine Tätigkeit stark ein, Mitarbeiter werden entlassen, Frau Weibrecht bekommt als freie Mitarbeiterin kaum noch Aufträge. Einige Monate später kauft ein westdeutscher Verlag das Unternehmen und entlässt dreiviertel der noch verbliebenen rund 200 Mitarbeiter.
"Ich lebe von meinen Rücklagen", erzählt sie mir. Als freie Mitarbeiterin hat sie keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, und Aufträge bekommt sie von dem neuen Besitzer auch nicht, und wenn, dann zu so schlechten Bedingungen, dass sie nichts daran verdient. Sie ist gerne bereit, mir bei der Suche nach einer geeigneten Immobilie, bei Behördengängen und bei anderen Aufgaben und Problemen zu helfen.


Brigitte Weibrecht gratuliert Hausherrn Klaus Eberhard zum Geburtstag, 2006.

Zu dem besitzt Frau Weibrecht etwas, das in diesen Tagen in Leipzig Gold wert ist: einen Telefonanschluss, sogar einen für sich alleine, keinen Doppelanschluss, den sich zwei Teilnehmer teilen.

Wir überlegen, wie wir möglichst professionell bei der Suche nach einem geeigneten Gebäude vorgehen können und entschließen uns zur Aufgabe einer Anzeige im ‚Leipziger Stadtanzeiger', der gerade von einem westdeutschen Verlag in Leipzig gegründet wurde. Im Redaktionsbüro geben wir die kleine Anzeige auf. Über den Preis können wir nur staunen: 800 DM!

Für meinen nächsten Besuch in Leipzig hat Peter Linke ein Treffen mit Peter Mickan arrangiert, einem der ersten Leipziger Immobilienmakler zu dieser Zeit. Er benutzt ein kleines Büro in der Georg-Schumann-Straße, arbeitete früher bei der ‚Leipziger Gebäudewirtschaft' und hat sich jetzt selbständig gemacht. Mit Immobilen in Leipzig kennt er sich aus.

Am Neustädter Markt schauen wir das architektonisch schöne und unter Denkmalschutz stehende Eckhaus Hedwigstraße 3 an, ein typisches Gründerzeithaus, erbaut 1886. Es liegt gut einen Kilometer östlich vom Hauptbahnhof. Im Erdgeschoss sind zwei Läden, darüber 20 Wohnungen, von denen nur noch sechs rechtmäßig bewohnt sind, hinzukommen einige ‚Schwarzbewohner'. Mickan kennt die Verhältnisse im Haus gut.

Die Wohnungen in den oberen Stockwerken sind ‚verworfen'. Diesen Ausdruck für baurechtlich gesperrte Wohnungen höre ich zum ersten Mal, in seiner Bildlichkeit leuchtet er mir sofort ein.

Äußerlich sieht das Haus grau in grau aus. Der architektonisch imposante Baukörper mit den zahlreichen schönen Stuckelementen verleiht dem heruntergekommenen Gebäude jedoch einen morbiden Charme, der mich fasziniert. Neben der rationalen wirtschaftlichen Überlegung spielt beim Kauf auch ein wenig das Gefühl mit, diesem lieblos heruntergekommenen Haus seine ursprüngliche Schönheit zurückzugeben. Übrigens ein Beweggrund, den ich auch von anderen Bauherren in diesen Tagen gelegentlich höre.

Selbst die guten Beziehungen von Peter Linke reichen diesmal nicht aus, ein Hotelzimmer zu finden! So wohne ich in einem Privatquartier, das Frau Weibrecht mir über eine Bekannte besorgt hat. Die geräumige Wohnung von Fräulein Noth, in der sie gelegentlich ein Zimmer privat vermietet, liegt in der Lützower Straße. Trotz ihrer von mir geschätzten rund 50 Lebensjahre nennen sie alle ‚Fräulein', ich sage selbstverständlich ‚Frau Noth' zu ihr.

Die Wohnung liegt im ersten Stock und Fräulein Noth hat mich in ihrem schönsten Zimmer einquartiert, dem Wohnzimmer, das einen großen Erker zur Straße hin hat. Sehr nahe am Gebäude, fast noch unter dem Erker, fährt die Straßenbahn durch die Lützower Straße, sozusagen direkt unter meinem Bett, das zu allem Unglück auch noch im Erker steht. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, wenn morgens gegen fünf Uhr die ersten Straßenbahnen durch die Straße donnern. Diese machen einen Höllenlärm; es sind die sogenannte Tatra-Züge aus der Tschechoslowakei, erzählt man mir. Sie wurden nach 1968 ausgeliefert und die Leipziger nennen sie ‚Dubceks Rache'. So kommt seine Rache auch über mich, obwohl ich in dieser Hinsicht nichts Böses getan habe.

Fräulein Noth ist Buchhalterin in einer Süßwarenfabrik, die jetzt von der Treuhand abgewickelt wird. Sie klagt mir ihr Leid, dass Sie eine Bilanz für die Firma erstellen soll, aber keine Ahnung habe, wie das gehe.

Einige Wochen später habe ich noch mal - notgedrungen - Fräulein Noths Nachtquartier in Anspruch nehmen müssen. Das Zimmer kostet nun 60 statt vorher 40 DM.
"Warum diesmal 60 DM?" frage ich.
"Es ist Messezeit", sagt Fräulein Noth, "da ist alles teurer".

Wie man eine Bilanz erstellt, weiß Fräulein Noth zwar noch nicht, den Kapitalismus an sich hat sie aber schon gut begriffen.



Machen Sie nun etwas Gescheites aus dem Haus.
Wir haben uns lange genug darum gekümmert.

Verkäufer Müller nach dem Notartermin, 1990

Ich entscheide mich für den Kauf des Hauses Hedwigstrasse 3 im Neustädter Markt. Die Kaufabwicklung ist problemlos. Eigentümer des Hauses ist ein älteres Ehepaar. Es lebt in der Nähe von München und ist nach wie vor im Grundbuch eingetragen, ein seltener Fall.

Das Haus wurde bis vor zwei Jahren von der privaten Leipziger Hausverwaltung Unger betreut, danach von der Gebäudewirtschaft Leipzig. Die Eigentümer haben mehrmals Kosten für eine Instandhaltung bezahlt, um die zusätzliche Aufnahme von Hypotheken und damit die dann zwangsläufige Enteignung zu vermeiden. In der Regel wurde dann enteignet, wenn die Höhe der Hypotheken den Einheitswert überstieg. Die Mieteinnahmen für 2 Läden und 20 Wohnungen wurden nicht in den Westen überwiesen, sondern - dies war eine der wenigen legalen Möglichkeiten - zur Pflege des elterlichen Grabes in Leipzig verwendet. Dafür reichten die Mieten von zwei Läden und zwanzig Wohnungen gerade aus!

Wir einigen uns über den Kaufpreis und vereinbaren einen Notartermin für Ende September 1990 in München. Aus Leipzig reist nicht Makler Mickan an, der mir das Haus vermittelt hat, sondern Maklerkollege Ring.

Nach der Verbriefung machen sich Ring und seine Frau im ‚Trabi' auf den Weg zurück nach Leipzig. Ich fahre mit Müllers in meine Wohnung nach Garching. Sie erzählen mir, dass der Vater von Müller leitender Ingenieur bei der Reichsbahn war und das Haus als Geldanlage (Rentehaus) in den 30-iger Jahre gekauft hat.


Der ehemalige Besitzer Dipl.-Ing. Rudolf Müller am dem Eingang zum Haus, Mitte der 80-iger Jahre.

"Wir sind alte Leute", erläutern Müllers den Grund für den Verkauf, "Wir haben keine Lust mehr, noch etwas mit dem Haus zu machen. Lieber gönnen wir uns mit dem Erlös einige größere Reisen, die wir schon seit längerem vorhaben; wir reisen sehr gerne."
"Machen Sie nun etwas Gescheites aus dem Haus", sagen sie mir zum Abschied, "wir haben uns lange genug darum gekümmert."

In Leipzig wird Volker Ring einige Wochen später zum Vorsitzenden des neu gegründeten "Vereins Deutscher Makler Sachsens" gewählt. Seine Geschäfte gehen gut. Bei meinem Besuch einige Monate später deutet er mit Stolz aus dem Fenster auf seinen neuen ‚Mercedes 500' vor dem Haus. Der Immobilienmarkt boomt, er ist mittendrin, verkauft viel, besonders an Münchner Interessenten, wie er mir sagt. Als Verkaufsprovision verlangt er mindestens fünf Prozent.

Sein rund 100 qm großes Büro liegt in einem schönen denkmalgeschützten Haus. Ich frage ihn, wie hoch die Mietkosten sind.
"Was schätzen Sie?"
"38,50 DM", antworte ich.
"Nein", korrigiert er, "34,50 DM monatlich".

Was für Zeiten, denke ich, ein Büro praktisch zum Nulltarif, ein dicker Mercedes vor der Türe und mindestens 5 % Provision bei Verkäufen. Es ist eine herrliche Zeit für Immobilienmakler und für so manch andere auch!



In diesen frühen Tagen nach der Wende erlebe ich eine wohltuend unkonventionelle, offene Hilfsbereitschaft. ‚Etwas bewegen wollen' ist die Devise der Leipziger.
Herbst 1990

Ich habe mich entschieden, das Haus in ein Hotel umzubauen. An das Amt für Wirtschaftsförderung schreibe ich: "Wir beabsichtigen, entweder ein Boardinghaus oder ein Hotel in dem Gebäude einzurichten. Wir gehen davon aus, dass für beide eine starke Nachfrage besteht. Wegen des großen Mangels sind diese Einrichtungen für die schnelle wirtschaftliche Entwicklung Leipzigs von Bedeutung. Das Gebäude ist fast unbewohnbar, die meisten Wohnungen stehen leer, sind verworfen und verwahrlost."

Das Münchner Architekturbüro ‚Padoplan' hat gerade ein Zweigbüro in Leipzig eröffnet. Ich bespreche den Umbau mit dem Architekten Johannes Dotzauer und erteile den Auftrag zum Umbau. Gleichzeitig mit der Einreichung des Antrags auf Baugenehmigung bemühe ich mich, über einen Investitionsvorrangbescheid auch das Nachbargebäude Hedwigstraße 1 zu erwerben.

Von nun an verbringe ich den Großteil meiner Zeit im Neuen Rathaus. Ich genieße es, ‚Paternoster' zu fahren. Häufig irre ich umher bei der Suche nach Ämtern. Es gibt Ende 1990 kaum Hinweisschilder in den Gängen; die Türen sind selten beschildert. Man muss sich durchfragen. Beruhigend über allem liegt die Gewissheit, dass sämtliche Ämter, die einer Baugenehmigung zustimmen müssen, irgendwo in diesem Gebäude untergebracht sind; einzige Ausnahme ist das Amt für Denkmalschutz.

Bei einem meiner Irrgänge - entnervt und hilflos auf der Suche nach dem Bauordnungsamt, das nicht mehr dort ist, wo es noch vor ein paar Tagen war - klopfte ich schließlich an eine beliebige Türe, auch diese ohne Namensschild. Nach einem freundlichen ‚Herein' treffe ich auf Ludwig Schön, den Leiter des Hochbauamts, was ich natürlich nicht weiß. Ohne zu zögern und wie selbstverständlich führt er mich zum Ort meiner Wünsche, zum Bauordnungsamt.


Ludwig Schön (li.) und Hausherr Klaus Eberhard im Biergarten des 'Leipziger Hofs',

Auf dem Weg kommen wir ins Gespräch über Musik und tauschen unsere Meinungen über Konzerte des Gewandhausorchesters und des Radio-Symphonieorchesters aus. Es sind solche zufälligen, unspektakulären Begegnungen, die mir in diesen Tagen Leipzig näher bringen und mir die Stadt und die Menschen liebenswert machen.

Die Freundschaft mit Ludwig Schön besteht bis heute. Nach wie vor tauschen wir unsere Meinung über Konzerte und über vieles mehr aus.

In diesem ersten Jahr nach der Wende erlebe ich überall, in der Stadt und auch auf den Ämtern, eine wohltuend unkonventionelle, offene Hilfsbereitschaft. ‚Etwas bewegen wollen' ist die Devise in den Köpfen der Leipziger und der aus dem Westen hinzugekommenen.

Die fernmündliche Kommunikation indes ist schwierig. Von München aus ruft man über die Auslandsvorwahl ‚0037' in Leipzig an. Tagsüber ist die Leitung hoffnungslos überlastet, nachts hat man eine bessere Chance durchzukommen. Mein Faxgerät stelle ich auf 3.17 h zum Verschicken ein; gerade Zeiten wie 2.00 oder 3.00 Uhr sind zu häufig voreingestellt.

Nicht nur bei der Stadt, auch sonst sind Faxgeräte noch selten. So bleibt häufig nur der Weg, die Schreiben per Post zu schicken, die gut funktioniert, oder die Dinge in persona zu erledigen. Frau Weibrecht erledigt zahlreiche Behördengänge, die wir in der Nacht vorher, wenn ich mit meinem Anruf ‚durchkam', besprochen haben.

Bei Baugesuchen - im Westen wie im Osten - gibt es jedoch auch Ärger. So macht das Bauordnungsamt zunächst zur Auflage, das schöne alte Treppenhauses aus Holz abzureißen und fordert den Einbau von Betontreppen für den Hotelbetrieb. Mit Hilfe des Amtes für Denkmalpflege der Stadt und durch den persönlichen Einsatz von Denkmalpfleger Jens Müller wird schließlich eine Lösung über einen weiteren Fluchtweg gefunden. Bauordnungsamtsleiter Schirmer spricht daraufhin ein Machtwort: Das Treppenhaus bleibt. Und wird bis heute in seiner Schönheit von den Gästen bewundert.

Die Hilfsbereitschaft der Ämter ist groß. Überrascht freue ich mit eines Nachts in München über einen Anruf von Herrn Bach vom Bauordnungsamt: Für eine zügige Durchführung des beantragten Umbaus brauchen wir die alten Eingabepläne von 1886. Er hatte sich sofort auf die Suche danach begeben und hat sie tatsächlich gefunden. Erst nach 22 Uhr war es ihm gelungen, ‚durchgekommen'. Er arrangiert dann noch in derselben Nacht eine Faxsendung von Auszügen der alten Pläne an den Münchner Architekten.

Nach dem Kauf des Hauses versuche ich sofort mit den Mietern Kontakt aufzunehmen. Die Gebäudewirtschaft Leipzig übergibt mir nach vielen vergeblichen Bemühungen schließlich eine Liste der rechtmäßig noch im Hause wohnenden Mieter und die Mietverträge. Einige wohnen schon seit vielen Jahren im Hause und kennen sich natürlich untereinander.

Aber es gibt auch unbekannte Bewohner. Die Hauseingangstüre ist nicht absperrbar und so zieht das Haus ‚Schwarzmieter' an. Diese wohnen auch in den verworfenen Wohnungen, wohl in Unkenntnis über die Baufälligkeit oder diese ignorierend.

Mit einem Aushang im Treppenhaus bitte ich alle Bewohner, sich zu melden. Auf mein Klopfen wird meist nicht geöffnet und die Klingel funktioniert ohnehin nicht - schon seit Jahren nicht mehr, wie mir die Mieter sagen.

"Niemandem geschieht etwas", versichere ich auf dem Aushang, "aber der Ordnung halber muß ich wissen, wer im Hause wohnt". Alle melden sich, auch die ‚Schwarzmieter', es sind ausschließlich Studenten, nette junge Leute.

©Klaus Eberhard, 2012

Wir werden die Tagebuchaufzeichnungen in den nächsten Newslettern fortsetzen - bis zum Jubiläum im Dezember 2012 .

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letztes update: 28.3.2012