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und
GALERIE HOTEL LEIPZIGER HOF
Hier schlafen Sie mit einem Original



Ein Vorabdruck im Auszug aus dem Buch "Zu Gast bei Mattheuer und Rauch - Tagebuch eines Leipziger Kunstsammlers" von Klaus Eberhard, das im Herbst im Seemann Henschel Verlag Leipzig erscheinen wird und auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wird.


(Fortsetzung, die vorhergehenden Tagebuchaufzeichnungen finden Sie hier )

"Meisterleistung eines Unbekannten oder Beutekunst aus Russland, endlich hat auch Leipzig sein großes Kunsträtsel".
Die Leipziger Volkszeitung zum Fund eines Bildes auf unserer Baustelle, Dezember 1991

Wer baut, auch wer umbaut, erlebt Überraschungen - manchmal sogar angenehme. Die erste Berührung mit der Kunst im Haus ist ein dickes Holzbrett, auf dem die Bauarbeiter bei der Aufmauerung im Dachgeschoss stehen. Sie haben einen Durchbruch mit dieser quadratischen Platte aus massivem Holz abgedeckt.

"Das sieht ja fast wie ein Bild aus", sage ich zu ihnen, "dreht es bitte mal um". Es ist ein Ölbild, gemalt auf einer Holzplatte und millimeterdick mit Dreck beschichtet. Die Arbeiter standen zum Glück auf der Rückseite. Sie hatten das Brett beim Entrümpeln im Keller gefunden, erzählen sie mir. So überlebte die Kunst in diesem Falle, weil sie auf einem auch für andere Zwecke brauchbaren Brett gemalt war.

Auch nach sorgfältiger Reinigung ist kein Hinweis auf den Autor zu finden, keine Signatur, auch keinerlei Beschriftung auf der Rückseite des Bildes. Zu sehen ist eine Atelierszene mit dem Künstler selbst und seiner Familie, raffiniert eingeblendet in einer Bilderausstellung. Es ist figürlich und in expressivem Stil gemalt.

Das gefundene, unbekannte Bild. Als Autor wurde schließlich Frank Schletter ermittelt.

Von wem aber ist das Bild? Ich habe inzwischen eine Reihe Leipziger Kunsthistoriker und Künstler kennen gelernt und zeige ihnen das Bild. Keiner kann den Autor nennen.

Am nächsten dran, wie sich später rausstellt, ist Neo Rauch. "Es scheint kein Dilettant zu sein", meint er beim näheren Betrachten, "einiges ist gut gemacht, nicht alles, ein bisschen was muss er vom Bildermachen verstehen." Wir setzen einen Preis von 1.000 DM für denjenigen aus, der als erster den Autor benennt.

Die Leipziger Volkszeitung zeigt das Bild und berichtet unter der Überschrift "Meisterleistung eines Unbekannten oder Beutekunst aus Russland, endlich hat auch Leipzig sein großes Kunsträtsel".

Wir bekommen zahlreiche Vorschläge. Eine Leipziger Galeristin hält sogar Max Beckmann für möglich, einer nennt Harald Metzkes. Ich schicke Metzkes ein Foto. Er ist entsetzt, natürlich sei er es nicht. Und damit ich mir ein Bild von seiner Malerei machen könne, schickt er gleich einen Katalog mit und lädt mich zu einem Atelierbesuch in Berlin ein.

Der Leipziger Bildhauer Berndt Otto Steffen benennt schließlich den Autor. Es ist Frank Schletter.

Schletter ruft mich an.
"Ja, ich habe das Bild gemalt" bestätigt er.
"Ich habe an der Burg Giebichenstein in Halle studiert, jedoch mein Studium nach einigen Semestern, 1990, abgebrochen und wurde Werbeleiter und Grafiker am Schauspiel Leipzig. In den achtziger Jahren wohnte ich mit meiner damaligen Frau in der Hedwigstraße 3. Als wir uns trennten, vergaß ich das Bild mitzunehmen. So geriet es schließlich in den Keller und als meine ehemalige Frau dort auch auszog, offenbar in den Müll".

"Warum haben Sie es nicht signiert, " frage ich ihn.
"Es war noch nicht ganz fertig", gibt er die plausible Antwort.

Seine Frau lese jeden Tag die "Leipziger Volkszeitung", doch ausgerechnet an dem Tage nicht. "Schade um die 1000 DM", fügt er hinzu. Doch Berndt Otto Steffen teilt den Preis mit ihm, als wir drei uns zur Übergabe und zu einem gemeinsamen Foto treffen.

Ich gehe abends in die Pfeffermühle. Es geht natürlich, wie fast immer, um die neue Situation im Osten, um das Verhältnis Ossis zu Wessis, um die Versprechungen der Politiker und der Versicherungsvertreter. Beim Verkauf von Gebrauchtwagen aus dem Westen ist die Devise: Fängt er an zu rosten, muss er in den Osten.



Der - häufig - in den Osten strafversetzte Wessi verdient für die gleiche Arbeit deutlich mehr als sein ostdeutscher Kollege.
Misstimmung in den Behörden, Januar 1992

Die Besprechungen über die Baugenehmigung ziehen sich hin. Der Erwerb des Nachbargrundstücks Hedwigstraße 1 ist nun zwingend erforderlich für das Betreiben eines Hotels, zum einen wegen der auszuweisenden Stellplätze, zum anderen wegen zusätzlicher Fluchtwege bei Brandgefahr. Ende 1991 beginnen endlich die Bauarbeiten.

Am späteren Vormittag treffe ich mich mit Frau Weibrecht im Rathaus. Wir möchten mit Christian Albrecht Jacke, dem Wirtschaftsdezernenten der Stadt, den zügigen Kauf des Nachbargrundstücks besprechen.

Ich fahre mit dem Paternoster aus dem 3. Stock ins Erdgeschoss, während Frau Weibrecht - wie üblich - die Treppen herunter geht, da Sie nicht gerne Paternoster fährt. Nur wenn es über mehrere Stockwerke aufwärts geht, fährt sie gelegentlich mit. Denn Treppensteigen in diesen hohen Stockwerken des denkmalgeschützten Gebäudes ist anstrengend.

Am Ausgang des Paternosters treffe ich Ludwig Schön. Inzwischen weiß ich, dass er der Leiter des Hochbauamtes ist. Ich berichte ihm vom Fortschritt und Stand des Hotels. Gestern Abend war er in der Oper, sah "Elektra" von Richard Strauss. "Gut gemacht von Udo Zimmermann", lobt er, "sollten Sie sich anschauen".

Das Hochbauamt ist inzwischen - wie viele weitere Ämter - in die Prager Straße umgezogen. "Besuchen Sie mich mal in meinen neuen Räumen", lädt er mich ein. Ich sage gerne zu.

Es gibt in diesen Tagen oft auch Missstimmung unter den Mitarbeitern in den Behörden, wenn der - häufig "in den Osten strafversetzte" - Wessi für die gleiche Arbeit deutlich mehr verdient als sein ostdeutscher Kollege.

Um 13.oo Uhr folgt eine Besprechung im Wohnungsamt mit Holger Tschense, dem Amtsleiter, und weiteren Mitarbeitern. Es geht um Schaffung von Ersatzwohnungen für die freizulenkenden Wohnungen in der Hedwigstraße 1.

Für den ersten Bauteil des Hotels, die Hedwigstraße 3, hatten Tschense und ich eine handschriftliche Vereinbarung - eine Seite lang - aufgesetzt und unterschrieben, in der ich mich zur Schaffung von Ersatzwohnungen verpflichtete und Tschense dem Umbau in ein Hotel zustimmte. Tschense hatte sich für dieses eigenmächtige Vorgehen eine Rüge der Rechtsabteilung eingehandelt, zumal in der Vereinbarung nicht aufgenommen worden war, bis wann die Wohnungen geschaffen werden sollten.

Später haben wir oft über diese handschriftliche Seite geschmunzelt: Alles lief bestens, das Hotel wurde zügig fertiggestellt und die Ersatzwohnungen habe ich ebenso zügig in der Baumannstraße 18 geschaffen. Vor ein paar Jahren kam Tschense noch mal auf die Sache zu sprechen und scherzte: "Heutzutage würde die Staatsanwaltschaft bei uns beiden ermitteln"!

Auch die Mieter sind mit Ihren Ersatzwohnungen zufrieden. Als ich später einmal Frau Otto, eine der beiden langjährigen Mieterinnen in der Hedwigstraße 3, zufällig auf der Straße treffe, schließt sie mich spontan in ihre Arme: "Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich nun eine gescheite Wohnung", sagt mir die über 80-jährige Frau überglücklich. Sie hatte über 40 Jahre in der Hedwigstraße 3 gewohnt.



Wir fahren mit einem Trabi vor, bei dem man einzelne Teile festhalten muss und verhandeln in einem Container über eine Millionenfinanzierung.
Februar 1992

Seit die Lufthansa eine Flugverbindung zwischen München und Leipzig eigerichtet hat, fahre ich nur noch gelegentlich mit dem Auto nach Leipzig. So sind Frau Weibrecht und ich meist mit ihrem Trabi in der Stadt unterwegs. Die Heizung funktioniert nicht mehr, und die rechte Türe muss ich beim Fahren festhalten. Wenn kein Beifahrer im Auto sitzt, wird die Türe von innen angebunden.

Vom Wohnungsamt fahren wir zur Commerzbank am Leuschner Platz. Dort hat die Bank in einem aus Containern aufgeschichteten 2-stöckigen Gebäude ihr vorläufiges Quartier eingerichtet. Frau Krüsemann, die Ansprechpartnerin für die Hotelfinanzierung, winkt uns aus dem Container zu, als wir aussteigen.

"Schon verrückt", sage ich zu Frau Weibrecht, "da fahren wir mit einem Trabi vor, bei dem man einzelne Teile festhalten muss und verhandeln in einem Container über eine Millionenfinanzierung". Frau Krüsemann empfängt uns mit der erfreulichen Nachricht, dass die für das Hotel bewilligten Kredite der Berliner Industriebank in voller Höhe heute bei der Commerzbank eingegangen sind.

Weiter geht es an diesem Tage mit einer brisanten Besprechung im Amt für Stadtsanierung und Wohnungsbauförderung, an der auch mein Architekt Johannes Dotzauer teilnimmt. Mir war zugetragen worden, man wolle von Seiten dieses Amtes gegen das Hotelprojekt "schießen".

So eröffnet Mitarbeiter Schröder des Amtes die Besprechung mit dem Hinweis, hier gehe es um die grundsätzliche Konzeption für die Errichtung des Hotels in der Hedwigstraße 3 und 1. Er führt aus, dass inzwischen eine Sanierungssatzung für das Gebiet Neustädter Markt beschlossen sei. An einem Plan zur Sanierung werde derzeit gearbeitet und dieser werde zu gegebener Zeit den Bürgern vorgelegt, und später dann vom Stadtparlament verabschiedet. Er führt aus, dass das Amt für Stadtsanierung und Wohnungsbauförderung in seinen bisherigen Stellungnahmen das Projekt Leipziger Hof in der Hedwigstraße 3 und 1 positiv beurteilt habe.

Bei Aufstellung des Sanierungsplanes sei man nun aber zu der Meinung gekommen, dass besonderes Gewicht auf den ruhenden Verkehr (Stellplätze) gelegt werden müsse. Aus diesem Grunde sei es nicht vertretbar, ein Hotel dort zu bauen bzw. eine Erweiterung des Hotels durch die Hedwigstraße 1 zu befürworten. Er weist darauf hin, dass gemäß dem Bundesbaugesetz bei einer bestehenden Sanierungssatzung eine Zustimmung des Amtes für Stadtsanierung zur Baugenehmigung erforderlich sei. Auf seine Frage, ob diese Voraussetzungen schon vorlägen, bekommt Architekt Dotzauer die Antwort, dass dies wohl erst nach Genehmigung des Sanierungsplanes der Fall sei.

Ich lege noch einmal das Konzept des Hotels vor. Es ist mit allen zuständigen Stellen der Stadt abgesprochen worden; alle Ämter haben es positiv beurteilt und fördern es.

Weiterhin weise ich nachdrücklich darauf hin, dass hohe Vorlaufkosten entstanden sind. Sollte auf Grund des angeführten Paragraphen über den Sanierungsplan der Ausbau des Hotels Hedwigstraße 1 verhindert werden, würde ich Schadensersatzansprüche in Höhe von rund einer Million DM an die Stadt stellen. Ich führe klar aus, dass eine Verhinderung des Hotels gegen alle bisherigen Absprachen erfolgen würde.

Sollte es zu einer Situation kommen, in der die Stadt auf Schadensersatz verklagt wird, so hätte dies die absurde Folge, dass die Stadt möglicherweise 1 Million DM Schadensersatz zahlen müsse ohne auch nur ein einziges der dringend benötigten Hotelbetten dafür zu bekommen. Dies würde allen politischen Bestrebungen der Stadt und der generellen Situation in Ostdeutschland Hohn sprechen.

Ich mache darauf aufmerksam, dass ich - sollte es tatsächlich soweit kommen - die Presse in vollem Umfang über diesen politischen Skandal informieren werde.

Zur Sache selbst führe ich noch aus, unterstützt von Architekt Dotzauer, dass ein Hotel selbst in reinsten Wohngebieten nach der Bauordnung akzeptabel ist und auch in einem Sanierungsgebiet nichts dagegen spreche. Der ruhende Verkehr kann ohne Probleme auf dem Grundstück Hedwigstraße 1 untergebracht werden, wie es in der Auflage zum Bauvorbescheid für die Hedwigstraße 3 vom Bauordnungsamt festgelegt wurde.

Frau Winter vom Stadtplanungsamt hat alle bisherigen Entscheidungen mitgetragen. Sie fühlt sich offensichtlich nicht sehr wohl in ihrer Rolle heute. Sie gibt aber auf meine direkte Frage hin der Versammlung bekannt, dass bisher keine Bedenken gegen den Bau eines Hotels im Stadtplanungsamt vorgebracht wurden. Vorsichtig versucht sie, das Hotelprojekt weiterhin zu unterstützen.

Frau Schreiner vom Amt für besondere Investitionen schließt sich meiner Meinung voll an und betont auch ihrerseits, dass eine jetzige Widerrufung aller bisherigen Befürwortungen eine politische Dummheit wäre. "So etwas kann man nicht machen", sagt sie klar und deutlich.

Schröder teilt abschließend mit, dass er die Angelegenheit noch einmal im Amt für Stadtsanierung und Wohnungsbauförderung besprechen werde.

Schreiner teilt noch mit, dass die Hedwigstraße 3 den Bauzustandswert 4 habe. Oberlehrerhaft weist Schröder darauf hin, dass dieser Bauzustandswert allerdings noch aus DDR-Zeiten stamme. Schreiner kontert den ‚Besserwessi': "Nicht alles, was von den Ingenieuren während der DDR-Zeit erarbeitet wurde, ist falsch. Ich halte die Zuordnung nach wie vor für korrekt".



Die Kreuzchen auf den Merkblättern der Ämter bestimmen nun das Geschehen, nicht mehr "Etwas bewegen wollen".
Mai 1992

Für die Herstellung der vereinbarten Ersatzwohnungen habe ich das Gebäude Baumannstraße 18 in Kleinzschocher erworben. Die ehemaligen Eigentümer sind noch nicht wieder im Grundbuch eingetragen, haben jedoch einen Antrag auf Rückübertragung beim Amt zur Regelung offener Vermögensfragen gestellt.

Nun geht es darum, die Rückführung möglichst bald zu erreichen. Daher werden Frau Weibrecht und ich beim Leipziger Amt zur Regelung offener Vermögensfrage vorstellig.

Wir legen die Feststellung einer gütlichen Einigung mit der LWB, der Verwalterin für das Haus, für dieses Grundstück und den notariellen Kaufvertrag dem Amt vor. Das Amt weist daraufhin, dass der vorliegende Kaufvertrag nicht zur vorgezogenen Rückgabe ausreicht, sondern dass ich auch die Ansprüche auf Rückführung erwerben muss. Ansonsten sei eine vorgezogene Rückgabe nicht möglich.

In bestem Bürokratendeutsch wird uns die zu Grunde liegende Logik erläutert: Die Dringlichkeit der Rückgabe muss mir bescheinigt werden, da ich mich verpflichtet habe, das Haus zu sanieren, also neue Wohnungen zu bauen, etwa durch einen Ausbau des Dachgeschosses. Eine Rückgabe an mich kann aber andererseits nicht erfolgen, da ich die Rechte zur Antragstellung auf Rückführung nicht erworben habe, sondern ich das Grundstück erst erhalte, nachdem es an die ehemaligen Eigentümer zurückgeführt worden ist. Diese wiederum haben jedoch keine Erklärung zur Sanierung abgegeben, sodass für die Rückgabe an die ehemaligen Eigentümer keine Dringlichkeit vorliegt.

Der bürokratische Formalismus ist auf dem Vormarsch. Vor wenigen Monaten noch prägte "Etwas bewegen wollen" den Gang der Dinge, nun ist es mehr die "formative Kraft des Bürokratischen", die - in Abwandlung der "normativen Kraft des Faktischen" das Geschehen bestimmt.

Aber auch Erfreuliches geschieht an diesem Tag: Im Bauordnungsamt übergibt mir ein Mitarbeiter die Teilbaugenehmigung für die Hedwigstraße 3.

Bei einem kurzen anschließenden Gespräch kommt er von sich aus auf die beiden Architekten des Lindener Baukontors zu sprechen, welches das Amt für Stadtsanierung und Wohnungsbauförderung für den Neustädter Markt beauftragt hat. Er meint, dass beide ziemlich weltfremd mit ihren alternativen Ansichten sind. Für die Baugenehmigung Hedwigstraße 1, also die Erweiterung des Hotels, sieht er jedoch keine Schwierigkeiten, da das Projekt ja ausgiebig besprochen und von allen Stellen befürwortet wurde. "Ihr Wort in Gottes Ohr", sage ich ihm und wir verabschieden uns.

Am Nachmittag besichtige ich zum ersten Mal das Völkerschlachtdenkmal; auch fahre ich heute zum ersten Mal in Leipzig mit der Straßenbahn. Nicht gerade verwöhnt durch die Fahrten in Frau Weibrechts Trabi, empfinde ich die Straßenbahn allerdings als noch unbequemer. Auf den kleinen, harten Holzsitzen fliege ich während der Fahrt hin und her. Ich kann den Leipzigern "Dubceks Rache" - wie sie die Tatra Züge nennen - gut nachfühlen. Die Bahnen fahren in äußerst geringem Abstand aneinander vorbei. Fast habe ich das Gefühl, sie könnten sich berühren. Der Fahrpreis beträgt für Fahrten innerhalb des gesamten Stadtgebiets 0,50 DM.



"Ein Glas einfache Marmelade im Konsum um die Ecke kostet nun 3,55 DM" . Mieterin Grossmann ist von der Wende enttäuscht, Mai 1992.

Am Abend treffe ich mich in der Wohnung des Hausmeisters Kretschmer in der Hedwigstraße 1 mit den Mietern im Hause. Alle Mieter der noch bewohnten 5 Wohnungen sind gekommen und empfangen mich sehr freundlich.

Ich erläutere die geplante Erweiterung des Hotels, auch dass geplant ist, die ursprüngliche, schöne Fassade mit den Stuckelementen wieder anzubringen. Mieterin Grossmann und Familie Kretschmer wohnen schon seit Ende des Zweiten Weltkriegs hier und haben miterlebt, als die Fassadenelemente abgeschlagen wurden. Es sei wohl um das Jahr 1968 gewesen, erinnern sie sich.

Frau Grossmann ist Rentnerin und hat schon vor vielen Jahren immer wieder Anträge auf eine andere Wohnung gestellt - ohne Erfolg. Am liebsten jedoch möchte sie in ein Rentnerheim, wie sie es nennt, gehen. Nach unserer Versammlung bitte ich Frau Weibrecht, sich einen entsprechenden Platz im Rentnerheim zu kümmern. Es klappt schließlich und Frau Großmann zieht voll Freude dort ein.

Mit den Mietern sitze ich noch über eine Stunde zusammen und wir sprechen über allgemeine Dinge.

Über die hohen Lebensmittelpreise wird geklagt. Einer der jungen Mieter erzählt, dass er und seine Freundin einmal wöchentlich außerhalb von Leipzig auf einem Markt einkaufen. Für ca. 60 DM kaufen sie dort Lebensmittel ein, die für die Woche ausreichen. "In Leipzig würden wir mindestens das Doppelte bezahlen", erzählen sie. Frau Grossmann ist entsetzt, dass ein Glas einfache Marmelade im Konsum um die Ecke nun 3,55 DM kostet.

Alle haben von der Wende mehr erwartet und sind enttäuscht.

Als das Gespräch auf Honecker kommt, der derzeit Zuflucht in der Chilenischen Botschaft in Berlin gefunden hat, frage ich in die Runde, was man mit ihm machen solle. Alle bezeichnen ihn als Verbrecher. Frau Grossmann sagt, man solle ihn aus der Botschaft holen und in eine Wohnung einquartieren, die ähnlich wie die ihrige ist. Da soll er dann den Rest seines Lebens wohnen müssen.

Frau Weibrecht und ich klappern in diesen Tagen immer wieder Ämter ab. Neben der Baugenehmigung sind auch Anträge auf Genehmigung für den Betrieb eines Hotels zu stellen. Auf allen Ämtern gibt es inzwischen Merkblätter, auf denen angekreuzt wird, was noch zu erbringen ist. Ein Kreuzchen zu machen ist für den Beamten einfach, die Forderung zu erfüllen meist nicht. Wenn unser letzter Überredungsversuch scheitert, das eine oder andere Kreuzchen zu verhindern, versichern wir brav, alles nachzuliefern. Erfreulicherweise sind wir aber auch psychisch robuster geworden. An unerwartete, aus unserer Sicht nicht notwendige oder überzogene bürokratischen Forderungen haben wir uns gewöhnt.

So nehmen wir es mit Gelassenheit, dass der Antrag zum Betrieb eines Hotels beim Gewerbeaufsichtsamtes abgelehnt wird, da mein polizeiliches Führungszeugnis seit Antragstellung inzwischen abgelaufen ist; es ist älter als ein halbes Jahr.

Frau Hoffmann vom Regierungspräsidium hat mir eine Innenarchitektin für das Hotel empfohlen, die sie von Modenschauen aus der DDR-Zeit kennt, auf denen beide als Modell gearbeitet haben. "Frau Haag ist eine sehr attraktive Frau", hat Frau Hoffmann mir mehrmals zu verstehen gegeben, wohl auch, um mich wirklich so weit zu bringen, mich mit ihr zu verabreden, denn unsere Innenarchitekten haben wir längst ausgesucht und beauftragt.

Wir treffen uns zum Mittagessen. Frau Haag möchte nichts essen, bestellt auch nichts. Als mein Essen kommt und ich höflicherweise frage, ob sie nicht doch ein bisschen davon mitessen möchte, greift sie beherzt zu und isst gut die Hälfte meines Essens auf.

Bis zur Wende hat sie neben den Modenschauen als Innenarchitektin in Berlin gearbeitet, war dann nach der Wende kurz bei einer Düsseldorfer Bauträgerfirma angestellt und hat sich nun selbstständig gemacht und eine eigene GmbH für Design und Innenarchitektur gegründet.

Ich sage ihr, dass der Auftrag für die Innenarchitektur des Hotels längst vergeben ist. "Aber vielleicht ergibt sich später einmal eine Gelegenheit zur Zusammenarbeit", rege ich an. Es ist nie dazu gekommen.

Bei meinen Taxifahrten in Leipzig frage ich manchmal den Fahrer nach der Stimmung in der Stadt - so auch heute. "Vieles geht voran", sagt er, "aber es läuft nicht alles gut. Ich wohne im Neustädter Markt - Eisenbahnstraße, früher Ernst-Thälmann-Straße - kennen Sie sicher. Dort wird gerade ein Wohnhaus in ein Hotel umgewandelt, obwohl es zu wenige Wohnungen in Leipzig gibt". Ich überlege einen Moment, ob ich mich als Bauherr zu erkennen gebe und ihm von meinen Bemühungen erzähle, Ersatzwohnungen zu schaffen. Gerade heute Morgen war ich wieder mal bei Herrn Tschense im Wohnungsamt. Doch ich sage lediglich: "Der Investor wird sicherlich Ersatzwohnungen schaffen müssen; dadurch werden dann verworfene und nicht mehr nutzbaren Wohnungen wieder Wohnzwecken zugeführt. Und das ist doch genau das richtige".

Die negative Meinung des Taxifahrers über unser Hotel beunruhigt mich, vielleicht denken andere Nachbarn ja ähnlich. Ich werde versuchen, die Nachbarn über das Hotelprojekt zu informieren und ihre Bedenken zu zerstreuen. Es hat sich gerade ein Bürgerverein ‚Neustädter Markt' gegründet. Der Verein hat seinen Sitz in der Hedwigstraße 2, gegenüber dem Hotel. Auch die gerade gewählte Vorsitzende soll auf der Hedwigstraße wohnen. Ich werde versuchen, mit ihr zu sprechen. Gerade erschien kleines Heftchen "Neustädter Markt Journal", das der Bürgerverein herausgibt und an die Bewohner kostenlos verteilt - sicher eine gute Möglichkeit, die Nachbarn über das Vorhaben Hotel zu informieren.



"Der Prozess der deutschen Einheit ist dann abgeschlossen, wenn der letzte Ossi aus dem Grundbuch verschwunden ist".
Leipziger Pfeffermühle, Juni 1992

Beim Abflug nach Leipzig treffe ich auf dem Münchner Flughafen Ludwig Schön. Als Leiter des Hochbauamtes hatte er dienstlich in München zu tun.

Die Stadt München hatte ihn eingeladen, um ihm und einigen seiner Mitarbeiter einen Einblick in die Arbeit vergleichbarer Ämter in München zu geben - bayerische Amtshilfe sozusagen.

Von Amts wegen hat Schön mit dem Hotelprojekt nichts zu tun, er verfolgt unser Vorhaben jedoch mit Interesse und Wohlwollen. Mehrmals hatte ich ihn schon um Rat gefragt, wenn es darum ging, die richtigen Ansprechpartner zu finden oder bei Fragen im Umgang mit Behörden.

Ludwig Schön (li.) und Hausherr Klaus Eberhard im Biergarten des Leipziger Hofs.
Foto ©Galerie Hotel Leipziger Hof


Auf dem Flug mit der kleinen Turbo-Prop-Maschine werden wir ordentlich durchgerüttelt. Ich berichte Schön von unseren Schwierigkeiten mit zwei ‚sehr grün-alternativen' Architekten aus Hannover, die das Amt für Stadtsanierung und Wohnungsbauförderung beraten.

"Ich tendiere selbst durchaus zu grün", schickt er voraus, "stimme aber völlig mit Ihnen überein, das Hotelprojekt in vollem Umfang wie geplant - also auch unter Einschließung der Hedwigstraße 1 - zu verwirklichen."

Wir kommen dann schließlich auf die Treuhand und allgemein auf den Einigungsprozess zu sprechen. Schön spricht genau das an, was mir auch schon häufig durch den Kopf ging: "Die Bevölkerung der DDR hat unter relativ schlechter Bezahlung gearbeitet; das von den Menschen erwirtschaftete Kapital wurde vom Staat in volkseigene Betriebe gesteckt. An sich müsste das Eigentum des Volkes auf diejenigen, die es erarbeitet haben, nun verteilt werden".

"Die Ungerechtigkeit ist offensichtlich: Die ‚Wessis' haben das Kapital, um im Osten Immobilien zu kaufen oder anderweitig zu investieren, während den ‚Ossis' hierzu das Kapital fehlt und die Banken ihnen in aller Regel auch keine Kredite gewähren".

"Die ‚Pfeffermüller', das Ensemble des berühmten Leipziger Kabaretts ‚Die Pfeffermühle', "haben es auf den Punkt gebracht", sage ich zu Ludwig Schön, "Der Prozess der deutschen Einheit ist dann abgeschlossen, wenn der letzte ‚Ossi' aus dem Grundbuch verschwunden ist" und ich füge hinzu, "Doch die Leipziger sind pfiffig und werden die Sache letztendlich zu ihren Gunsten entscheiden".

Nur wenige Jahre später wird man sehen, dass viele Westdeutsche durch ihre Immobilienkäufe und den viel zu hohen Miet-Erwartungen ihr gesamtes Eigentum - auch im Westen - verlieren und zudem auf einem hohen Schuldenberg sitzen bleiben. Nun haben beide kein Kapital mehr, doch die Ostdeutschen haben wenigstens keine Schulden.

Schön empfehlt mir zum Schluss noch, in der Oper ‚Eine Nacht in Venedig' anzuschauen. Dies tue ich am selben Abend noch und freue mich über eine schwungvolle Aufführung dieser Johann Strauß Operette.

Aus der Oper gehe ich schräg rüber ins "Kim", einem kleinen familiär geführten koreanischen Restaurant. An einem der Nachbartische - allein - sitzt Udo Zimmermann, Komponist, Dirigent und Intendant der Leipziger Oper. In München habe ich Kompositionen von ihm mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gehört. Ich überlege ihn anzusprechen und ihn zu fragen, ob ich mich zu ihm setzen darf, traue mich dann aber doch nicht.

Am nächsten Morgen, es ist der 4. Juni 1992, hole ich Frau Hofmann im Regierungspräsidium mit dem Taxi ab und fahre mit ihr auf die Baustelle. Wir steigen hinauf bis zum Dachgeschoss. Am gestrigen Abend ist ein sehr schweres Gewitter mit viel Regen über Leipzig niedergegangen. Teile der Stadt sind unpassierbar, zahlreiche Unterführungen stehen unter Wasser und sind gesperrt.

Unser Gebäude ist ohne Dach: das alte ist abgerissen, das neue noch nicht fertig. Nur notdürftig abgedeckt, ist das Haus durch den schweren Regen völlig durchfeuchtet. In den oberen Stockwerken tropft Wasser von den Decken. Frau Hofmann ist angetan vom Fortschritt der Bauarbeiten und verspricht, den Rest der Fördermittel zügig auszuzahlen.

Im Bauordnungsamt übergeben Architekt Dotzauer und ich die Eingabepläne zur Baugenehmigung für die Hedwigstraße 1. Ein Mitarbeiter des Bauordnungsamtes teilt uns mit - und wir haben den Eindruck, dass er sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlt, dass wir die Baugenehmigung für die Hedwigstraße 3 leider noch nicht bekommen. Auf unser drängendes Nachfragen legt er schließlich die Karten auf den Tisch:

Sein Vorgesetzter ist nicht bereit, die Baugenehmigung mit der vorgesehenen und den Ämtern abgesprochenen Regelung bezüglich der Stellplätze zu unterschreiben. Unsere "sehr, sehr grün-alternativen Freunde" aus Hannover im Amt für Stadtsanierung und Wohnungsbauförderung haben ganze Arbeit geleistet! Auf Grund der erheblichen Änderung in der Art der Nutzung des Gebäudes - vorher Wohn- und Geschäftshaus, nun Hotel - könne der Bestandsschutz für die Stellplätze nicht mehr berücksichtigt werden, erklärt man uns. Es sind 18 neue Stellplätze auszuweisen. Jeder, auch das Bauordnungsamt weiß, dass dies nicht möglich ist.

Der Bau einer Tiefgarage im Bereich der Hedwigstraße 1 wird ins Gespräch gebracht. Darauf erklärt Architekt Dotzauer, dies sei bautechnisch nur sehr schwer möglich, da erhebliche Unterfangungen und eine Wasserhaltung nötig seien, um an dieser Stelle eine Tiefgarage zu errichten. Auch eine Rampe kann nicht gebaut werden. Der Mitarbeiter des Bauordnungsamtes schlägt vor, die Tiefgarage statt über eine Rampe mit einem Lift zugängig machen, in dem die PKW hinunter gefahren werden.

Wir verweisen unsererseits auf die bisherigen eindeutigen und klaren Absprachen mit dem Bauordnungsamt und bestehen auf ihrer Einhaltung. Zwischenzeitlich werde die Stellplatzfrage anders von der Stadt gehandhabt, werden wir informiert. Auf unsere Bitte ruft der Mitarbeiter den Amtsleiter des Bauordnungsamtes Schirmer an; wir vereinbaren einen Besprechungstermin mit ihm am nächsten Tag.

Zum Schluss - dies war ja der eigentliche Anlas unseres Besuchs im Bauordnungsamt - übergibt Architekt Dotzauer den Bauantrag für die Hedwigstraße 1: Ein dickes Bündel von acht Exemplaren, jeweils in roten DIN A4 Ordnern, die außen das von Dotzauer entworfene Logo tragen, einen der schönen Rundbögen der denkmalgeschützten Fassade.

Am Abend gehe ich ins Gewandhaus. Kurt Masur dirigiert das Tripelkonzert von Beethoven mit dem Beaux Arts Trio aus Frankreich und die Alpensymphonie von Richard Strauss.

Bei meinen ersten Besuchen im Gewandhaus hatte ich den Eindruck, das Gebäude sei eine Stahl-Beton-Konstruktion; vielleicht weil viele Gebäude in dieser Zeit so errichtet wurden (um 1980). Als ich später zufällig mit Ludwig Schön darauf zu sprechen komme, sieht er mich voller Entsetzen an.
"Nein, nein", ruft er, "es ist aus Naturstein gebaut, aus Elbsandstein".
Er selbst war von Seiten der Stadt beim Bau einer der Verantwortlichen.



Wir kaufen einem Handwerker in der Nähe seinen Telefonanschluß ab und spannen ein Kabel frei durch die Luft ins Hotel.
Unser erster und bei der Eröffnung einziger Telefonanschluss im Hotel, Dezember 1992

Im Dezember 1992 eröffnet der "Leipziger Hof". Als die ersten Gäste an der Rezeption einchecken, werden noch Stühle und andere Möbelstücke in die Zimmer gebracht.

Die Eröffnungs- und Voreröffnungsphase des Hotels wird von drei erfahrenen Hotelfachleuten aus München geleitet, die unser Haus schnell und gut auf dem Leipziger Hotelmarkt platzieren. Noch gibt es viel zu wenige Hotels und wir können einen glänzenden Start hinlegen.

An elf Autobahnausfahrten um Leipzig herum stellen wir wild, ohne eine Erlaubnis einzuholen, große Hinweisschilder mit Foto und Telefonnummer des neuen Hotels auf.

Einen Telefonanschluss zu bekommen ist ein Abenteuer für sich. Wir kaufen einem Handwerker in der Nachbarschaft seinen Telefonanschluss ab und spannen ein Kabel frei durch die Luft ins Hotel.

Doch am Ausbau des Telefonnetzes in Leipzig wird mit Hochdruck gearbeitet. Wir profitieren mit davon, denn die Deutsche Telekom bucht über tausend Übernachtungen in den nächsten Monaten und Jahren in unserem Hause.

Als Direktionsassistenten stellen wir Michael Reinhold ein, einen jungen Leipziger, der gerade sein Studium an der Hotelfachschule in Leipzig erfolgreich abgeschlossen hat. Nach nur wenigen Monaten frage ich ihn, ob er sich zutraue, die Leitung des Hauses zu übernehmen. "Ja, Sie werden mit mir zufrieden sein", antwortet Reinhold selbstbewusst, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Wie oft hatte ich vorher von anderen Mitarbeitern bei ähnlichen Fragen zur Antwort bekommen, man wolle es versuchen, man werde sich Mühe geben.

Ich übertrage ihm die Leitung mache ihn mit 25 Jahren zum jüngsten Hoteldirektor in Leipzig. Er macht seine Sache sehr gut. So habe ich den Rücken frei und bin froh, mich stärker um den Aufbau der Kunstsammlung im Hause zu kümmern. Noch hängen keine Bilder im Hotel.


"Ich bin der Alibi Ossi in diesen Kommissionen".
Der Leipziger Kunsthistoriker und Gründer der Galerie für zeitgenössische Kunst, Klaus Werner, zu seiner Wahl in wichtige Kunstkommissionen, zusammenfassend 1993 - 1995.

Es beginnt die spannende Zeit meiner Atelierbesuche, meiner Gespräche mit den Künstlern und den Kunsthistorikern und auch die Zeit meiner Ankäufe Leipziger Kunst für die Sammlung. Von Anbeginn an gehen die Besuche über das Anschauen der Arbeiten hinaus und führen oft zu intensiven, regelmäßigen Gesprächen mit den Künstlern.

Beginnen will ich mit Klaus Werner. Er stammte aus dem Erzgebirge, wurde dort 1940 geboren und verstarb am 8. Januar 2010 in Leipzig.


Klaus Werner (li.) und Hausherr Klaus Eberhard in der "galerie.leipziger-schule" des Hotels.
Foto ©Galerie Hotel Leipziger Hof


Er war einer der bedeutendsten Kunsthistoriker unserer Zeit und war besessen von der zeitgenössischen Kunst. Er förderte sie wie kein anderer in Leipzig.

Ohne Klaus Werner ist der heutige Welterfolg der Leipziger Malerei nicht denkbar. Er hat die Internationalität der Kunst nach Leipzig geholt und hat die oft provinziell geprägten Denkrahmen vieler junger, heute weltberühmter Künstler entscheidend erweitert; gleichzeitig hat er den Blick der Kunstwelt auf Leipzig gezogen.

Zu jungen Künstlern hielt er engen, freundschaftlichen Kontakt; er hat sie ermuntert, gefördert und - was vielleicht oft das Wichtigste war - er hat an sie geglaubt.

Neo Rauch hat dies beim Tode von Klaus Werner in seinem Nachruf in der "Leipziger Volkszeitung" auf den Punkt gebracht: ‚Er engagierte sich für meine Arbeit, als ich selbst noch meinte, dieser Zuwendung nicht würdig zu sein, da ich mich tief im Unterholz künstlerischer Irrgänge herumstolpern sah.'


Klaus Werner, Neo Rauch und Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt (v.li.) in der "galerie.leipziger-schule" des Hotels. Foto ©galerie.leipziger-schule

Klaus Werner gründete zusammen mit Arend Oetker 1989 den ‚Förderkreis der Galerie für zeitgenössische Kunst', aus dem die ‚Galerie für zeitgenössische Kunst' als erster Museumsneubau in den Neuen Bundesländern hervorging. Klaus Werner leitete sie und führte sie zu weltweitem Ansehen.

Legendär sind heute seine ersten Ausstellungen wie "Zone D, Innenraum", "Leerstand", "staircase" und andere. In seinen legendären Projekten "learning by doing" brachte er international berühmte Künstler wie Ilja Kabakow, Jenny Holzer, Brian Cattling u.a. mit jungen Leipziger Künstler und Studenten der Hochschule für Grafik und Buchkunst zusammen. Er vermittelte so vielen die hautnahe Auseinandersetzung mit internationaler Kunst und ermunterte sie, Vertrauen zu ihrem eigenen Weg zu haben und wenn es nur dadurch war, dass sie sahen, dass auch die Großen nur mit Wasser kochten.

"Zone D, Innenraum" heißt die erste große deutsch-deutsche Ausstellung kurz nach der Wende im Jahre 1991. Sie findet statt in der Messehalle unter dem Marktplatz, mitten in der Stadt, dort wo heute der City Tunnel ist. Ausstellungsmacher ist Klaus Werner. Es ist eine frühe Bestandsaufnahme und Konfrontation ost-westlicher Kunstpositionen.

Ich bin begeistert, frage nach dem Ausstellungsmacher und bekomme noch am selben Tag einen Termin bei Klaus Werner.

Ich erzähle ihm, dass ich gerade dabei bin, ein schönes altes denkmalgeschütztes Gründerzeithaus zu einem Hotel umzubauen und dass ich dort Kunst, am liebsten Kunst aus Leipzig, zeigen möchte. Spontan bietet er mir seine Unterstützung an.

Wir verstehen uns von Anfang an. So macht er mir bei einem unserer nächsten Treffen - das Hotel ist inzwischen eröffnet - den großzügigen Vorschlag, Arbeiten aus seinem Privatbesitz im Hotel zu hängen, bis genügend eigene Bilder für die Sammlung angekauft sind. Begeistert nehme ich an.

Er kommt mit einer dicken Mappe voller Grafik ins Hotel. Wir wählen etwa vierzig Arbeiten für die vorübergehende Hängung im Hotel aus. Sie stammen aus seiner Zeit als Leiter der "Galerie Arkade" des Staatlichen Kunsthandels der DDR in Berlin wie er mir erzählt. Die meisten der Arbeiten sind von "seinen" Künstler, die er besonders schätzt, wie A.R. Penck, Arno Mohr, Carlfriedrich Claus, Gerhard Altenbourg, Michael Morgner und anderen, aber auch Arbeiten von Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer sind darunter.

Klaus Werners großzügige Leihgabe ist der entscheidende Impuls für den Aufbau unserer Kunstsammlung.

Eine wunderbare Einrichtung für mich werden unsere gemeinsamen Mittagessen. Wenn ich etwas wissen möchte oder einen Rat brauche, solle ich ihn anrufen, hatte er mir angeboten und mir regelrecht ‚eingetrichtert', dies auch zu tun, wenn ich in einer Sache nicht sicher sei. Ihm war wohl in unseren ersten Gesprächen nicht verborgen geblieben, dass ich wenig Ahnung von der Kunst hatte und von der Leipziger oder der sogenannten DDR-Kunst schon gar nicht. Ich vermute, dass er mich mochte und es ihm leid getan hätte, wenn ich aus Unkenntnis Fehler gemacht hätte. Zudem gefiel ihm generell, wenn ‚etwas bewegt' wurde und das Gefühl hatte er bei mir. Angesprochen darauf habe ich ihn jedoch nie.

Meist treffen wir uns noch am selben Tag, wenn ich morgens anrufe. Zu unserem Stammlokal wird der "Paulaner" in der Klostergasse. Das Gebäude wurde kurz nach der Wende an die Paulaner-Brauerei in München zurückgegeben. Es liegt in unmittelbarer Nähe zu den Geschäftsräumen des "Förderkreises der Galerie für zeitgenössische Kunst", in denen auch das Büro des Geschäftsführers Klaus Werner ist.

Bei einem dieser Mittagsgespräche habe ich Fragen zum Ankauf von Neo Rauch Bildern und zur Eröffnung unserer Galerie in einigen Monaten.

"Ich habe ins Auge gefasst, die Galerie mit einem der drei großen alten Leipziger Maler zu eröffnen: Heisig, Mattheuer oder Tübke", beginne ich. Klaus Werner gefällt dies nicht. Allenfalls Mattheuer ginge, meint er. "Heisig und Tübke haben viele Feinde", sagt er, "es wäre ein falsches Signal mit ihnen die Galerie zu eröffnen".

Hinzu komme, dass die Hochschule für Grafik und Buchkunst zerstritten sei und drohe, auseinander zu fallen. Auch meine Idee Christine Rink mit in die Galerie aufzunehmen hält er nicht für gut. Sie sei zu sehr der Hochschule verbunden. Ich solle nicht auf die Hochschule setzen, sagt er ziemlich deutlich und verweist noch einmal auf die internen Streitereien. "Wahrscheinlich wird aus der Hochschule selbst nicht sehr viel mehr kommen", meint er.

Grundsätzlich rät er die Galerie zusammen mit einem erfahrenen Galeristen zu betreiben. Dies könne auch ein junger Galerist sein. Einige hätten derzeit Schwierigkeiten und wären vielleicht für eine solche Chance dankbar.

Über die Hochschule kommen wir auf Neo Rauch zu sprechen, der derzeit Assistent an der Hochschule bei Arno Rink ist und den einige für den kommenden Rektor der Hochschule halten. Ich frage Werner welche Arbeiten von Rauch ich kaufen solle, erwähne auch einige Arbeiten aus der derzeitigen Ausstellung in der Dresdner Bank in Leipzig. Werner hatte die Ausstellung eröffnet, kennt die ausgestellten Arbeiten also gut.

"Ich muss Ihnen dazu etwas sagen", beginnt er und ich merke, dass er sich nicht ganz wohl fühlt bei dem, was er sagen wird, da es mir möglicherweise nicht gefällt.

"Wissen sie, vielleicht kann ich es am einfachsten so erklären: Es gibt zwei Welten von Malerei, nennen wir die eine die Welt 1 und die andere die Welt 2. Die Bilder, die sie im Hotel hängen haben, entsprechen der einen Welt, sagen wir der Welt 1. Es sind teilweise schöne Arbeiten, teilweise gute Qualität, und insbesondere Bilder mit klaren Darstellungen.

Die Welt 2 zu der Neo Rauch gehört und natürlich viele andere zeitgenössische Maler zeigt die Dinge nicht direkt. Die Bilder der Welt 2 sind voller Geheimnisse, im klassischen Sinne nicht zu ‚verstehen'. Sie leben von Andeutungen und von der Fantasie des Betrachters. Bilder von Neo Rauch können in der Welt 1 nicht existieren. Sie können dort nicht ‚leben', sozusagen in einer Umgebung von ‚toten' Bildern".

Wir kommen auf einzelne neu angeschaffte Bilder in der Sammlung zu sprechen. Vernichtend ist sein Urteil über die Arbeiten von Günter Albert Schulz. Nichts Originelles, besonders schlecht für ihn sind die neueren abstrakten Bilder, die er im Hotel gesehen hat.

"Sie sind so schlecht, dass ich Ihnen rate, sie nicht öffentlich zu zeigen", sagt er klar und deutlich, "hängen Sie sie allenfalls in ein Zimmer", und fügt noch hinzu: "Ob Welt 1 oder Welt 2 Qualität muss in jedem Falle sein".

Ich erläutere noch einmal unser Konzept stadtbezogene Bilder, allein schon des Namens "Leipziger Hof" wegen, in der Sammlung zu haben. Stadtlandschaften sind nicht Werners Ding. Wir suchen einige Bilder aus, die nach seiner Meinung keine besonders guten sind. "Ich werde sie in die Zimmer hängen", versichere ich ihm. "Zeigen Sie die aufregendere Kunst öffentlich: in der Lobby, im Restaurantbereich, im Treppenhaus und in Fluren", ist sein Fazit.

"Es gibt Übergänge zwischen der Welt 1 und der Welt 2", kommt er wieder auf dieses Thema zu sprechen. "Wolfram Ebersbach, von dem ja zwei Arbeiten bei Ihnen im Hotel hängen, ist so ein Übergang. Ebersbach kann in der Welt 1 und in der Welt 2 existieren".

Dann folgt eine persönliche Bemerkung zu diesem Thema: "Ich bin in der Welt 1 groß geworden", sagt er. "Die Welt 2 kannte ich nicht, ich durfte nicht reisen. Aber mein Interesse galt dieser Welt 2. Die Entwicklung geht immer von Welt 1 zu Welt 2. Nie umgekehrt".

Ich erinnere mich bei diesen Worten an einen Artikel über den Sammler Peter Ludwig, den ich vor kurzem in der ‚ZEIT' gelesen habe: Als studierter Kunstwissenschaftler hatte er zunächst die alten Meister gesammelt und erst sehr spät und dann urplötzlich Arbeiten der Welt 2 angekauft, angeregt durch einen seiner Berater.

Peter Ludwig wird mit den Worten zitiert: "Irgendwann gingen mir die Augen auf und ich bekam einen Blick für die zeitgenössische Kunst, die dann sofort viel interessanter für mich war als die ältere Kunst, weil sie sich mit dem Empfinden der Menschen und mit den Themen der eigenen Zeit beschäftigt, dazu mit neuen Techniken, Darstellungsversuchen und allen möglichen Formen arbeitet".

"Wo sind die ‚Naiven' in dem von Ihnen gebrauchten Bild der beiden Welten zu finden", frage ich Klaus Werner.

"Viele der naiven Bilder", so seine Antwort, "zeigen auf den ersten Blick einfache, klare Darstellungen von Menschen oder Vorgängen; oft enthalten diese Bilder durch ihre Naivität etwas Mystisches, Geheimnisvolles, das sie in die Nähe der Welt 2 bringt".

Wie so oft in unseren Gesprächen betont er auch diesmal, dass ich natürlich das tun solle, was ich für richtig halte. Wenn ich aber weiter in der Welt 1 bleiben wolle, solle ich unbedingt auf Qualität achten.

Er ist gerade von einer Sitzung der Ankaufkommission des Bundes zurückgekehrt. Man wird Ankäufe von Baselitz oder ähnlichen Künstlern, wen immer er damit meint, vermutlich tätigen. Auf meine Frage nach der Höhe des jährlichen Etats der Ankaufkommission nennt er 600.000 DM.

In der Ankaufkommission des Freistaates Sachsen (Etat 200.000 DM) ist er ebenfalls, möchte dort jedoch ausscheiden, es werde ihm zu viel. Vielleicht, denke ich mir, ist er auch über Entscheidungen der Kommission in Sachsen nicht glücklich.

"Ich bin der Alibi-Ossi in diesen Kommissionen", gibt er humorig zum Besten. "Das ist weit untertrieben", erwidere ich, "viele halten Sie - auch im Westen - für den neuen Kunstpapst in Deutschland. Ihr Kokettieren ist durchschaut". Wir sehen uns an und lachen herzhaft.

Dann wiederhole ich nochmals meinen Wunsch, Arbeiten von Neo Rauch anzukaufen. "Diese müssen ja nicht im Hotel hängen", versuche ich ihn zu besänftigen, "sondern bei mir zu Hause".

"Ich bin an der Welt 2, der zeitgenössischen Kunst interessiert" sage ich ihm und erzähle von meinen Ankäufen bei Hempel in der ‚Dogenhaus' Galerie, beispielsweise Arbeiten des Berliners Klaus Killisch.

"In unserer Galerie", komme ich auf ein anderes Thema zu sprechen, "wollen wir nicht nur Arbeiten von Künstlern ausstellen, die jetzt in der Sammlung hängen". Hierauf geht er ein und schlägt vor, vielleicht einmal eine gemeinsame Ausstellung im Rahmen seines ‚Staircase' Projektes - er nutzt das Treppenhaus zu den Geschäftsräumen als Ausstellungsfläche - mit unserer Galerie zu machen. Es könnten Bilder bei ihm und Installationen oder Konzeptkunst bei uns in der Galerie gezeigt werden.

Für das geplante Atelier im Hotel will er uns junge Künstler nennen. Über die Jahre würde das Hotel dann mit den Arbeiten dieser Künstler einen interessanten und repräsentativen Charakter der zeitgenössischen Kunst bekommen. Dies hält er für viel interessanter als die jetzige Sammlung der Stadtmotive und auf Leipzig bezogenen Arbeiten.

Zum Schluss - gut zwei Stunden sind im Fluge vergangen - versichert er mir mit Neo Rauch zu sprechen, der sich wieder, wie er mir sagt, der Galerie ‚Eigen+Art' von Judy Lybke angeschlossen hat.

Ob ich dennoch direkt von Rauch kaufen könne, frage ich. Sprechen sie mit Herrn Rauch selbst, vielleicht hat er eine Regelung mit Lybke, dass er die älteren Bilder frei verkaufen kann. Ich merke ihm an, dass ihm diese Frage nicht gefallen hat. Werner schätzt Lybke als Galeristen, hat ihn stets unterstützt. Ich selbst habe Judy Lybke in Klaus Werners "Förderkreis der Galerie für zeitgenössische Kunst" kennen gelernt. Er gehört zu deren Gründungsmitgliedern.

Lybke ist ein außergewöhnlicher junger Galerist, der unter teils kuriosen, teils verrückten Umständen in der DDR Avantgardisten und nichtkonforme Künstler in einer halbzerfallenen Werkstatt zusammengebracht und ausgestellt hat. Er selbst und einige der Künstler wohnten auch dort. Die Werkstatt wurde nie abgesperrt, wie Judy mir erzählte. Jeder konnte kommen wann er wollte, Tag und Nacht, um die ausgestellten Arbeiten anzusehen.

"Nach der Wende auch mit meiner Hilfe", erwähnt Klaus Werner, "mietete Lybke in der Zentralstraße Galerieräume an. Über ihm im ersten Stock hatte der Galerist Schneider seine Galerie, darüber Jochen Hempel die ‚Dogenhaus Galerie'. Die Räume wurden nun sorgfältig abgesperrt. Lybke hat einige junge Künstler fest an sich gebunden, so Kaeseberg, Uwe Kowski und andere".

Nach der Wende haben Zeitungen und Zeitschriften immer wieder über ihn berichtet wegen seiner erfolgreichen Vermittlung zeitgenössischer Kunst und wohl auch wegen seines schillernden, unangepassten Lebensstils. Regelmäßig erzählt er den Journalisten, er habe nach wie vor keine Wohnung und schlafe mal da und mal dort. Sein einziger Besitz neben einigen Bildern seien fünf Maßanzüge, die er sich nach der Wende habe schneidern lassen.

"Vor kurzem habe ich Judy gefragt", erzähle ich Klaus Werner, "ob die Geschichte mit den Maßanzügen wirklich stimmt". "Ja, das stimmt", hat er mir geantwortet, "allerdings sind derzeit nur noch zwei brauchbar".

In Berlin und New York hat er weitere Dependancen seiner Galerie "Eigen+Art" eröffnet.

"In New York läuft die Galerie nicht besonders gut", erzählt Werner, "aber er hat schon viel Publicity bekommen", und fügt mit süffisantem Lächeln hinzu, "und hat auch schon erreicht, dass bei der Eröffnung einige Skandalpersonen des gesellschaftlichen Lebens gekommen sind".

Einige Wochen später hat Klaus Werner eine Fahrt nach Berlin zur Reichstagsverhüllung durch Christo für die Mitglieder des Förderkreises organisiert. Am Nachmittag besuchen wir Judy Lybke in seiner Berliner Galerie in der Auguststraße, in der Nähe des Alexanderplatzes. Am Abend eröffnet die Galerie eine Ausstellung mit Arbeiten von Ulf Puder, darunter auch eine Figurengruppe mit dessen bekannten Holzschafen in Originalgröße.

Werner bittet Lybke für die Leipziger Besucher um eine kleine Einführung in die Ausstellung. Dieser macht es kurz und bündig, redet zwei, wenn es hoch kommt, drei Minuten. "Das war die längste Rede, die ich je von dir gehört habe, Judy", kommentiert Klaus Werner.

Auf der Rückfahrt von Berlin sitze ich im Bus neben Klaus Werner. Er erzählt aus seiner Berliner Zeit, so unter anderem auch von seiner Freundschaft zu A.R.Penck, dem Dresdner Maler und Autodidakten, der Ende der siebziger Jahre in den Westen ging. Gelegentlich hat er Arbeiten von Penck in der "Arkade" Galerie in Berlin zwischen die eigentlichen Bilder der Ausstellung gehängt.

So trifft es sich gut, dass mich wenige Tage später Rainer Behrends, der Kustos der Universität Leipzig, zu einer privaten Führung durch die umfangreiche Penck-Ausstellung in den Galerieräumen der Universität einlädt, die er mit Leihgaben eines Kölner Sammlers hat arrangieren können. Behrends erläutert die einzelnen Schaffensphasen von Penck. Viele der ausgestellten Bilder stammen noch aus Pencks Dresdener Zeit. Ich bin beeindruckt von der Vielfalt der Bilder, bisher kannte ich in erster Linie seine "Strichmännchen".

Der Ausbau der Kunstgalerie läuft auf Hochtouren. Arndt Schultheiß und Rainer Behrends bieten mir ihre Hilfe beim Aufbau der Sammlung und der Gestaltung der geplanten Galerie an. Schultheiß kommt schon eine halbe Stunde früher zum vereinbarten Termin, um mir einen Katalog zu überreichen und wegen einer Bitte, wie er mir sagt.

"Dies ist der Katalog zu meinem 50. Geburtstag", beginnt er, "das Museum der bildenden Künste zeigte eine Retrospektive meiner Arbeiten". "Für die schlechte Qualität muss ich mich entschuldigen. Zu DDR-Zeiten war es nicht möglich, einen besseren Katalog zu machen", fügt er entschuldigend hinzu.

Ich halte die Qualität jedoch nicht für schlecht. Gelegentlich höre ich genau das Gegenteil von dem was Schultheiß sagt, nämlich hohes Lob für die Qualität von Kunstbüchern in der DDR, etwa des Seemann Verlages in Leipzig. Diese hohe Qualität sei nun - nach der Wende - nicht mehr möglich, wird meist hinzugefügt, da das Buch dann zu teuer und damit unverkäuflich werde.

Dann kommt seine Bitte: Er möchte sich gerne einen Traum erfüllen und bei der Staatlichen Textil- und Gobelinmanufaktur Halle GmbH, Burg Giebichenstein, einen Gobelin nach einer Collage von ihm aus dem Jahre 1963 anfertigen lassen. Er zeigt mir die Abbildung der Arbeit im Katalog. "Die Manufaktur ist einzigartig und besteht seit 1961", erläutert er mir, "sie fertigt Gobelins nach traditionellem Hochwebeverfahren und ist eng verbunden mit der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein".

Für eine bereits geplante Ausstellung möchte er gerne zwei solcher Gobelins zeigen. "Wären Sie bereit, die Herstellungskosten für einen Gobelin zu übernehmen", fragt er mich. "Nach der Ausstellung geht er dann in Ihren Besitz über ohne weitere Kosten für Sie". Ich willige ein. So hängt bis heute auch ein Gobelin in unserer Sammlung, 125 x 85 cm groß, gewebt nach der Collage ‚Kunstgeist (Hyperion I)' von Arndt Schultheiß.

Ich berichte Behrends und Schultheiß von einem Artikel in der ‚Süddeutschen Zeitung'. Darin ruft Michael Gorbatschow zur Hilfe für russische Künstler auf.

"Wir könnten vielleicht auch mal russische Künstler einladen und in der Galerie ausstellen", sage ich zu den beiden und spreche sie in ihren Funktionen als Kustos der Universität und Kultursenator von Sachsen an. "Der Leipziger Hof könnte den Künstlern einen Aufenthalt bei freier Kost und Logis ermöglichen", ergänze ich.

"Die Strukturen in Russland sind nach wie vor die gleichen. Es sind die gleichen schlechten Museumsdirektoren dort und auch bei den Vorsitzenden der Künstlervereinigungen ist es nicht anders", erklären beide übereinstimmend, "es macht keinen Sinn, mit ihnen zusammen zu arbeiten".

Nicht über offizielle Stellen, allenfalls individuell Künstler aus Russland aussuchen und einladen halten sie für den besseren Weg, wenn ich so etwas wirklich machen möchte. Schmunzelnd und - wie mir scheint - mit einem "Wir-kennen-Russland-besser-als-Sie" Gesichtsausdruck klären sie mich auf: "Gorbatschow will wohl eher Geld für die Kultur in Russland aus dem Ausland anlocken als dass er an derlei Angeboten wie dem Ihren interessiert ist".

In wenigen Monaten wird die Galerie bauseits fertiggestellt sein. Beide geben mir noch auf der Baustelle nützliche Hinweise zu den Hängeschienen, zur Beleuchtung und zu anderen praktischen Fragen der Einrichtung.

©Klaus Eberhard, 2012

Wir werden die Tagebuchaufzeichnungen in den nächsten Newslettern fortsetzen - bis zum Jubiläum im Dezember 2012 .


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letztes update: 21.6.2012