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und
GALERIE HOTEL LEIPZIGER HOF
Hier schlafen Sie mit einem Original



Erinnerung an
Prof. Dr. phil. Klaus Werner

geb. 22. September 1940 in Holzhau, Erzgebirge
gestorben 8. Januar 2010 in Leipzig


Klaus Werner, ©Foto: Armin Kühne

Dem Freund unseres Hauses zur Erinnerung gewidmet.
Er war einer der international bedeutendsten Kunsthistoriker unserer Zeit
und ein herausragenden Förderer der Kunst in Leipzig.


"Zone D - Innenraum" hieß die erste große deutsch-deutsche Ausstellung im Jahre 1991, die kurz nach der Wende in der Messehalle unter dem Markt in Leipzig stattfand.

Dr. Klaus Werner, Gründer und Direktor des Förderkreises der Galerie für zeitgenössische Kunst war der Veranstalter. Es war eine frühe Bestandsaufnahme und Konfrontation ost-westlicher Kunst-Positionen.

Ich war begeistert, fragte nach dem Ausstellungsmacher und bekam noch am selben Tag einen Termin bei ihm.

Wir lernten uns also sozusagen im Untergrund, unter dem Marktplatz, mitten in der Stadt, dort wo heute der City Tunnel ist, kennen.

Ich erzählte ihm, dass ich gerade mit dem Umbau eines der schönen, alten, denkmalgeschützten Gründerzeithäuser zum Galerie Hotel Leipziger Hof begonnen hatte und dass ich dort Kunst, am liebsten Kunst aus Leipzig, zeigen wollte. Spontan bot er mir seine Unterstützung an.


Klaus Werner
Klaus Werner (li.) und Hausherr Klaus Eberhard bei einer
Ausstellungseröffnung in unserer Galerie. ©Foto: Armin Kühne


Wir verstanden uns von Anfang an gut. So bot er mir bei einem unserer nächsten Treffen an, Arbeiten aus seinem Privatbesitz zur Hängung im Hotel für eine Weile, bis genügend eigene Bilder für die Sammlung angekauft waren, zur Verfügung zu stellen. Ich nahm begeistert an.

Es waren ca. 40 Arbeiten, meist Druckgrafik, die aus seiner Zeit als Leiter der Galerie "Arkade" des Staatlichen Kunsthandels in Berlin stammten. Es waren weitgehend "seine" Künstler wie Penck, Mohr, Claus, Altenbourg, Morgner und andere, aber es waren auch Arbeiten von Tübke und Mattheuer darunter.

Klaus Werners großzügige Leihgabe war der entscheidende Impuls für den Aufbau unserer Kunstsammlung.

In den folgenden Jahren haben wir uns immer wieder getroffen, haben gemeinsame Kunstprojekte - wie etwa "Huckepack" von Iris Häussler in Zimmer 408 des Hotels - durchgeführt.

Iris Häussler      HUCKEPACK      24.11.1995 - 06.01.1996

Realisation in Zusammenarbeit mit dem Förderkreis der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig e.V., Dr. Klaus Werner und dem Galerie Hotel Leipziger Hof, Prof. Dr. Klaus Eberhard

Ein Doppelzimmer des Hotels. Darin befindet sich: Ein geöffneter Koffer mit Wäsche und Hygieneartikeln, ein Mantel im Schrank, ein Kulturbeutel im Badezimmer, die Zeitung des jeweiligen Tages und eine Schale mit Obst auf einem kleinen Tisch. Auf dem Nachttisch liegt das Foto eines Kindes. Eine Seite des Doppelbettes ist zerlegen. Eines der Handtücher im Bad liegt gebraucht am Boden. Dem Gast, der an der Rezeption nach einem Einzelzimmer verlangt, wird offeriert, ein Doppelzimmer mit einem �fiktiven� Gast zu nehmen. ... mehr

     
Klaus Werner eröffnet die Ausstellung von Iris Häussler. Rechts ein Blick in Zimmer 408,
der Ort von "Huckepack". Fotos: © galerie hotel leipziger hof
und galerie für zeitgenössische kunst leipzig (mit freundlicher Genehmigung)


Iris Häussler (li.), Klaus Werner (Mi.) und Hausherr Klaus Eberhard
trinken auf eine erfolgreiche Ausstellung. Fotos: © galerie hotel leipziger hof


Eine wunderbare Einrichtung für mich waren unsere gemeinsamen Mittagessen.

Klaus Werner hatte mir eingeschärft, mir fast das Versprechen abgenommen, ihn anzurufen, wenn ich Fragen zur Kunst habe oder einen Rat brauche. Wir könnten uns dann kurzfristig, vielleicht zum Mittagessen, treffen. Ihm war wohl in unseren ersten Gesprächen nicht verborgen geblieben, dass ich wenig Ahnung von der Kunst hatte, und von der Leipziger oder DDR Kunst fast nichts wußte.

Zum Mittagessen trafen wir uns meist im "Paulaner" in der Klostergasse. Dieses an die Paulaner-Brauerei in München nach der Wende zurückgegebene Restaurant wurde zu einer Art Stammlokal für unsere Treffen; hauptsächlich wohl deshalb, da in unmittelbarer Nähe die bescheidenen Geschäftsräume des Förderkreises der Galerie für zeitgenössische Kunst lagen.

Über eines unserer Treffen im Jahre 1995, also einige Jahre nach unserem Kennenlernen, will ich hier berichten, so wie ich es damals in meinem Tagebuch festgehalten habe.

Tagebuch vom 16. Juni 1995:

Wieder habe ich Klaus Werner um ein Gespräch gebeten, das er mir wie so oft schon vorher noch am selben Tag gewährt. Ich plane, Bilder von Neo Rauch zu erwerben und möchte die Ankäufe mit ihm besprechen. Auch steht die Eröffnung unserer Galerie in einigen Monaten an und ich möchte seine Meinung dazu wissen.

Wir fangen mit der Galerie an.

"Ich habe ins Auge gefasst, die Galerie mit einem der drei großen alten Leipziger Maler zu eröffnen: Heisig, Mattheuer oder Tübke", beginne ich.

Klaus Werner gefällt dies nicht. Allenfalls Mattheuer ginge, meint er.

"Heisig und Tübke haben viele Feinde", sagt er, "es wäre ein falsches Signal, mit ihnen die Galerie zu eröffnen".

Hinzu komme, dass die Hochschule für Grafik und Buchkunst sehr zerstritten sei und drohe, auseinander zu fallen.

Auch meine Idee, Christine Rink mit in die Galerie aufzunehmen, hält er nicht für gut. Sie sei zu sehr der Hochschule verbunden. Ich solle nicht auf die Hochschule setzen, sagt er ziemlich deutlich und wiederholt noch einmal die internen Streitereien.

"Wahrscheinlich wird aus der Hochschule selber nicht sehr viel mehr kommen", ist er überzeugt.


Klaus Werner(Mi.) während der Eröffnung der Ausstellung "Kostprobe" mit Meisterschülern der Hochschule für
Grafik und Buchkunst, Fachklasse Prof. Sighard Gille (li.),rechts Hausherr Klaus Eberhard. Im Hintergrund die Arbeit "Sockel" von Matthias Weischer. ©Foto: Armin Kühne


Grundsätzlich glaubt er, es sei vernünftig, die Galerie zusammen mit einem erfahrenen Galeristen zu betreiben. Dies könne auch ein junger Galerist sein, einige hätten derzeit Schwierigkeiten und wären vielleicht für eine solche Chance dankbar.

Über die Hochschule kommen wir auf Neo Rauch zu sprechen, der derzeit Assistent an der Hochschule bei Arno Rink ist und den einige für den kommenden Rektor der Hochschule halten. Ich frage Werner, welche Arbeiten von Rauch ich kaufen solle, erwähne auch einige Arbeiten aus der derzeitigen Ausstellung in der Dresdner Bank wie z.B. die Arbeit "Gesang". Klaus Werner hatte die Ausstellung mit einer Einführung eröffnet, kennt die Arbeiten also gut.

Ich muss ihnen dazu etwas sagen, beginnt er und ich merke, dass er sich nicht ganz wohl fühlt bei dem, was er sagen wird, da es mir möglicherweise nicht gefällt. Er beginnt dann:

Wissen sie, vielleicht kann ich es am einfachsten so erklären: Es gibt zwei Welten von Malerei, nennen wir die eine die Welt 1 und die andere die Welt 2. Die Bilder, die sie im Hotel hängen haben, entsprechen der einen Welt, sagen wir der Welt 1.

Es sind teilweise schöne Arbeiten, teilweise gute Qualität, und insbesondere Bilder mit klaren Darstellungen.

Die Welt 2, zu der Neo Rauch gehört und natürlich viele andere zeitgenössische Maler, zeigt die Dinge nicht direkt. Die Bilder der Welt 2 sind voller Geheimnisse, im klassischen Sinne nicht zu "verstehen". Sie leben von Andeutungen und von der Fantasie des Betrachters. Bilder von Neo Rauch können in der Welt 1 nicht existieren. Sie können dort nicht "leben", sozusagen in einer Umgebung von "toten" Bildern.

Ein Abend im Galerie Hotel Leipziger Hof mit
Prof. Dr. Klaus Werner und Frau Dr. Werner, Neo Rauch und Frau Rosa Loy und Museumsdirektor Dr. Hans-Werner Schmidt und Frau.

Zunächst wurde die laufende Ausstellung in der Galerie besichtigt.
"Saftige PflaumenArt, Junge Leipziger Kreative", Uwe Arnold - Robert Aust - Thomas Geyer - Falk Hänsel - Tom Prochnow - Kai Schwarz - Florian Seidel, 4.Mai - 4. Juni 2002.

Ebenso ungewöhnlich wie der Titel der Ausstellung ist auch das, was die Gruppe junger Leipziger Kreativer in der Galerie des Leipziger Hofs präsentiert. Es sind circa 30 Exponate zu sehen, mit denen die Künstler zeigen wollen, was mit unkonventionellen Techniken - zum Beispiel Spraydose - machbar ist. Was sie machen, wird auf keiner Kunsthochschule gelehrt - sie nennen es "Urban Street Technique" oder "Manifestation eines Geisteszustandes". ... mehr




In der Galerie


     
    Klaus Werner (li.), Hans-Werner Schmidt (Mi.) und Neo Rauch
    fachsimpeln über die ungewöhnlichen Exponate dieser Ausstellung.


     
      Später im Biergarten


Ich erinnere Werner daran, dass ich diese Arbeiten mit Behrends ausgesucht habe. Er selbst, Werner, hatte mir seinerzeit - nach anfänglichem deutlichen Zögern - vorgeschlagen, Behrends als Berater zu nehmen. Ich brauche eine Weile, um ihn nach mehrmaligem intensivem Auffordern so weit zu bringen, zu Behrends und der Auswahl seine Meinung zu sagen.

Behrends ist ein Verwalter von Bildern, ein Kustos, und nicht jemand, der von der neuen Kunst besessen ist. Ganz vernichtend ist das Urteil von Werner über die Arbeiten von Günter Albert Schulz. Nichts originelles, besonders die abstrakten Bilder von ihm, die er im Hotel gesehen hat, sind für ihn so schlecht, dass er mir empfiehlt, diese nicht öffentlich zu zeigen. Er zweifelt die Qualität der Bilder an. Ob Welt 1 oder Welt 2, sagt er, Qualität muss in jedem Falle da sein.

Ich muss dran denken, sage aber Werner davon jetzt nichts, dass vor kurzem unser junger Hoteldirektor Michael Reinhold mich fragte, ob ich eigentlich sicher sei, dass Behrends bei der Vermittlung der Bilder von Schulz keinen persönlichen Vorteil habe. Eindeutig ist mir inzwischen auch klar geworden, dass ich die Bilder von Schulz zu teuer eingekauft habe. Behrends hatte stets "übliche" Preise mir gegenüber - auch bei anderen Ankäufen - genannt, allerdings stets auch betont, dass er mit Preisen nichts zu tun haben zu wolle.

Vielleicht könnten wir einige dieser Bilder in die Zimmer hängen, schlage ich vor. Auch erläutere ich noch einmal unser Konzept, stadtbezogene Bilder - schon des Namens "Leipziger Hof" wegen - in der Sammlung zu haben. Werners Meinung ist, die Stadtlandschaften, insbesondere die nicht besonders guten, in die Zimmer zu hängen und die "aufregendere" Kunst öffentlich im Restaurantbereich, im Treppenhaus und in Fluren zu zeigen.

"Es gibt Übergänge zwischen der Welt 1 und der Welt 2", kommt er wieder auf dieses Thema zu sprechen. "Wolfram Ebersbach, von dem ja zwei Arbeiten bei Ihnen im Hotel hängen, ist so ein Übergang. Ebersbach kann in der Welt 1 und in der Welt 2 existieren", meint er.

Dann folgen einige Anmerkungen zu diesem Thema, die ihn persönlich betreffen:

"Ich bin in der Welt 1 groß geworden", sagt er. "Die Welt 2 kannte ich nicht, ich durfte nicht reisen. Aber mein Interesse galt dieser Welt 2. Die Entwicklung geht immer von Welt 1 zu Welt 2, nie umgekehrt".

Ich erinnere mich bei diesen Worten an einen Artikel über den Sammler Peter Ludwig, den ich vor kurzem, ich glaube in der ZEIT, gelesen habe: Als studierter Kunstwissenschaftler hatte er zunächst die alten Meister gesammelt und dann nach langer Zeit und urplötzlich Arbeiten der Welt 2 angekauft, angeregt durch einen seiner Berater. Peter Ludwig wird in dem Bericht so zitiert, dass ihm irgendwann die Augen aufgingen, und er einen Blick für die zeitgenössische Kunst bekam, die - wie er dann sagte - natürlich viel interessanter sei. Besonders auch, da sie sich mit dem Empfinden der Menschen und mit den Themen ihrer eigenen Zeit beschäftige. Auch teilweise mit neuen Techniken, neuen Darstellungsversuchen in allen möglichen Formen arbeite.


Klaus Werner in seinem Element.
Hier bei einem Vortrag in der Kustodie der Universität Leipzig.
Er war ein faszinierender Redner und mancher Zuhörer hatte den Eindruck, durch ihn
zum ersten Mal einen Zugang zur zeitgenössischen Kunst zu finden. ©Foto: Armin Kühne


"Wo sind die �Naiven' in dem von Ihnen gebrauchten Bild der Welt 1/Welt 2 zu finden", frage ich ihn.

"Viele der naiven Bilder", antwortet er, "zeigen auf den ersten Blick einfache, klare Darstellungen von Menschen oder Vorgängen; oft enthalten diese naiven Bilder jedoch etwas Mystisches, Geheimnisvolles, das sie in die Nähe der Welt 2 bringt".

Wie so oft in unseren Gesprächen betont er auch diesmal, dass ich natürlich das tun solle, was ich für richtig halte. Wenn ich aber weiter in der Welt 1 bleiben wolle, solle ich unbedingt auf Qualität achten.

Er ist gerade von einer Sitzung der Ankaufkommission des Bundes zurückgekehrt. Man wird Ankäufe von Baselitz oder ähnlichen Künstlern, wen immer er damit meint, vermutlich tätigen. Auf meine Frage nach der Höhe des jährlichen Etats der Ankaufkommission nennt er 600.000 DM.

In der Ankaufkommission des Freistaates Sachsen (Etat 200.000 DM) ist er ebenfalls, möchte dort jedoch ausscheiden, es werde ihm zuviel. Vielleicht, denke ich mir, ist er auch über Entscheidungen der Kommission in Sachsen nicht glücklich.


Klaus Werner (Mi.) leitete die Podiumsdiskussion (2.2.1999) in unserer Galerie zur Ausstellung "Einführung in den marktwirtschaftlichen Realismus" mit Arbeiten von Michael Fischer-Art (re.). ©Foto: Armin Kühne


"Ich bin der Alibi-Ossi in diesen Kommissionen", gibt er humorig zum Besten. "Das ist weit untertrieben", erwidere ich, "viele halten Sie - auch im Westen - für den neuen Kunstpapst in Deutschland. Ihr Kokettieren ist durchschaut". Wir sehen uns an und lachen herzhaft.

Dann wiederhole ich nochmals meinen Wunsch, Arbeiten von Neo Rauch anzukaufen.

"Diese müssen ja nicht im Hotel hängen", versuche ich ihn zu besänftigen, "sondern bei mir zu Hause".

"Ich bin an der zeitgenössischen Kunst, der Welt 2, interessiert" versichere ich weiter und erzähle von meinen Ankäufen bei Hempel in der Galerie "Dogenhaus", beispielsweise Bilder und Zeichnungen von Klaus Killisch.

Auch in unserer Galerie sollen nicht nur Arbeiten der Künstler, die jetzt in unserer Sammlung hängen, ausgestellt werden. Hierauf geht er ein und schlägt vor, vielleicht einmal eine gemeinsame Ausstellung im Rahmen seiner "Staircase"-Ausstellungen mit unserer Galerie zu machen. Es könnten beispielsweise Bilder bei ihm gezeigt werden, Installationen oder Konzeptionskunst in der Galerie bei uns.

Für das geplante Atelier im Hotel will er uns gerne junge Künstler nennen. Über die Jahre würde das Hotel dann mit den Arbeiten dieser Künstler einen interessanten und repräsentativen Charakter der zeitgenössischen Kunst bekommen. Dies hält er für viel interessanter, als die jetzige Sammlung der Stadtmotive und Leipzig-bezogenen Arbeiten.


Es war der letzte Abend mit Klaus Werner (re.), hier in seiner Wohnung in Connewitz, im Jahre 2004. Er war von der Krankheit gezeichnet, als Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst ausgeschieden und hatte sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. An diesem Abend stoßen wir zum letzten Mal mit einem seiner vorzüglichen Weine aus seinem mit großer Freude und Liebe in den letzten Jahren angelegten Weinkeller an. In der Mitte die Leipziger Malerin Saane Süßmilch. ©Foto: privat


Zum Schluß - gut zwei Stunden sind im Fluge vergangen - versichert er mir, mit Neo Rauch zu sprechen, der sich wieder, wie er mir sagt, der Galerie "Eigen+Art" von Judy Lybke angeschlossen hat.

Ob ich dennoch direkt von Rauch kaufen könne, frage ich. Sprechen sie mit Herrn Rauch selber, vielleicht hat er eine Regelung mit Lybke, dass er die älteren Bilder frei verkaufen kann.

Ich merke ihm an, dass ihm diese Frage nicht gefallen hat. Werner schätzt Lybke als Galeristen sehr, hat ihn auch immer wieder unterstützt. Wir kommen ein wenig näher auf Judy Lybke zu sprechen, den Klaus Werner gut kennt. Ich selbst habe ihn vor ein paar Jahren in Klaus Werners "Förderkreis der Galerie für zeitgenössische Kunst" kennen gelernt, zu deren Gründungsmitgliedern er gehört.

Judy Lybke ist ein außergewöhnlicher, junger Galerist, der unter teils kuriosen, teils verrückten Umständen in der DDR Avantgardisten und nichtkonforme Künstler in einer halbzerfallenen Werkstatt zusammengebracht hatte.

Die Künstler und er wohnten auch dort. Es wurde nie etwas abgesperrt, jeder konnte Tag und Nacht kommen und gehen und die Ausstellung besichtigen, wann er wollte.

Nach der Wende - auch mit meiner Hilfe, erwähnt Klaus Werner - mietete Lybke in der Zentralstraße Galerieräume an. Über ihm im 1. Stock hatte der Galerist Schneider seine Galerie, darüber Jochen Hempel die "Dogenhaus" Galerie. Die Räume werden nun sorgfältig abgesperrt. Lybke hat einige junge Künstler fest an sich gebunden, so Kaeseberg, Kowski u.a.

Nach der Wende haben zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften über ihn berichtet - nicht nur wegen seiner nun ziemlich erfolgreichen Vermittlung zeitgenössischer Kunst an Großbanken und Firmen, sondern auch wegen seines schillernden, unangepaßten Lebensstils.

So hat er den Zeitungen regelmäßig erzählt, er habe nach wie vor keine Wohnung. Er schlafe mal da und mal dort. Sein einziger Besitz neben einigen Bildern seien fünf Maßanzüge, die er sich nach der Wende habe schneidern lassen.

Ich erzähle Klaus Werner, dass ich Judy Lybke vor kurzem gefragt habe, ob die Geschichte mit den Maßanzügen wirklich stimme.

"Ja, das stimmt", hatte Judy mir geantwortet, "allerdings sind derzeit nur noch zwei brauchbar".

In Berlin und New York hat er weitere Dependancen seiner Galerie "Eigen+Art" eröffnet.

Werner erzählte mir, dass die Galerie in New York nicht besonders gut gehe, aber Judy habe schon viel Publicity bekommen und bei der Eröffnung seien offensichtlich einige Skandalpersonen des gesellschaftlichen Lebens gekommen.


Fahrt nach Berlin zur Reichstagsverhüllung durch Christo

Einige Wochen nach unserem Gespräch treffen Klaus Werner und ich uns mit Judy Lybke in seiner Berliner Galerie in der Auguststraße, in der Nähe des Alexanderplatzes.

Anlaß zur Berlin-Fahrt war die Besichtigung des verhüllten Reichstags (Christo), organisiert von Klaus Werner und dem Förderkreis.

Bei der Gelegenheit machen wir einen Abstecher zu Judy Lybke, der genau an diesem Tage abends eine Ausstellungseröffnung mit Arbeiten von Ulf Puder (den inzwischen berühmten Schafen) hat. Werner bittet ihn, für die ca. 20 Besucher aus Leipzig ein wenig zu seiner Ausstellung zu sagen. Lybke macht es kurz und bündig, redet zwei, wenn es hoch kommt, drei Minuten. "Das war die längste Rede, die ich je von dir gehört habe, Judy", kommentiert Klaus Werner; wir alle lachen.


Am 27. Januar 2010 wurde Klaus Werner auf dem Südfriedhof Leipzig beigesetzt.
Zahlreiche Weggefährten, Künstler, Freunde und Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben
erwiesen ihm die letzte Ehre. Foto: © galerie hotel leipziger hof


Viele Leipziger und Berliner, wo er lange wirkte, aber auch viele andere haben durch Klaus Werner einen Zugang zur zeitgenössischen Kunst gefunden. Mit ihm ging man gerne auf neue Entdeckungstour in die experimentelle zeitgenössische Kunst.

Seine Besessenheit für die Kunst, seine intellektuelle Fröhlichkeit und sein oft schelmischer Humor lassen ihn in unserer Erinnerung lebendig bleiben.

Ich selbst danke ihm von ganzem Herzen für seine Freundschaft.

© Klaus Eberhard, Februar 2010


Nachruf von Neo Rauch

"Plötzlich und unerwartet ist Klaus Werner weiß Gott nicht aus unserer Mitte gerissen worden; nein, sein Verlöschen folgte einer unerträglich gedehnten Schicksalsdramaturgie, und wir mussten alle darauf gefasst sein, dass der letzte Glutpunkt jederzeit verglimmen konnte.

Nun, da es so weit ist, bin ich trotz allen Vorbereitetseins nahezu außerstande, meinen Emotionen eine vernünftige Fassung zu verleihen, und flüchte mich in die Hoffnung, dass dem Klaus nun ein umfassender und befreiter Blick auf die Zusammenhänge vergönnt sein möge, die uns hier unten das Dasein so oft verrätseln.

Er gehörte zu meinen frühesten Förderern, und ich verdanke ihm unendlich viel.

Er engagierte sich für meine Arbeit, als ich selbst noch meinte, dieser Zuwendung nicht würdig zu sein, da ich mich tief im Unterholz künstlerischer Irrgänge herumstolpern sah.

Neben den eher unkonventionellen Konzepten, die den Schwerpunkt seiner Fördertätigkeit im Rahmen der GfZK bildeten, schien mir mein Ansatz obendrein auch nie so recht in das Gesamtgefüge seiner Präsentationen zu passen; aber Klaus war eben kein Ideologe, kein Mann des Richtungsstreits, sondern ein Eigentümlichkeitsforscher mit feinem Gespür für die Entwicklungsanlagen des Besonderen. Und wie hätte er auch zum Fundamentalisten werden können, bei dem herrlichen Maß an Humor, das ihm zu eigen war! Es gibt gewiss nicht viele Personen in meinem Leben, mit denen ich so viel lachen musste, wie mit Klaus, und es war gewiss auch seine Fähigkeit, die eigenen Fehlleistungen humoristisch ausleuchten zu können, die den Umgang mit ihm so angenehm machte.

Es ist nun endgültig, dass ich mit ihm einen guten Freund verloren habe, aber seine stets heitere Gemütsart und sein feiner Sinn für Ironie werden als Erinnerungsbild unlöschbar in mir nachwirken. Klaus Werners Nichtmehrvorhandensein wird noch lange als unausfüllbare Silhouette im Kulturleben dieser Stadt spürbar bleiben.

Mein ganzes Mitgefühl gilt seiner Frau Jutta, die in dieser schweren Zeit nicht von seiner Seite wich."

Neo Rauch

Leipziger Volkszeitung, 12.1.2010
Mit freundlicher Genehmigung der Leipziger Volkszeitung




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letztes update: 9.2.2010