Die Auseinandersetzung um Werner Tübkes Wandbild
- Gedanken zur derzeitigen Diskussion -

Zum Vergrößern bitte anklicken Werner Tübke, "Arbeiterklasse und Intelligenz", Öl/Tempera auf Pressspanplatten, 268,5 x 1377 cm, 1973, Kunstsammlung der Universität Leipzig. © VG VG Bild-Kunst, Bonn. Die Reproduktion hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Frau Brigitte Tübke-Schellenberger.


Erich Loest, Schriftsteller und Ehrenbürger der Stadt Leipzig, hat eine kontrovers geführte Diskussion, einen Streit, darüber ausgelöst, wie mit dem obigen großformatigen Wandbild von Werner Tübke verfahren werden soll, entstanden in den Jahren 1970-73.

Das Bild wurde von der SED-Kreisleitung 1969 in Auftrag gegeben mit der Vorgabe (u.a.): "... Es soll ausgedrückt werden: Die Arbeiterklasse mit der SED an der Spitze leitet die Entwicklung der gesamten sozialistischen Gesellschaft, auch die Entwicklung der Wissenschaft; die Einheit von Geist und Macht ist hergestellt ..."

Ausschnitt aus "Arbeiterklasse und Intelligenz"
Werner Tübke,'Arbeiterklasse und Intelligenz'
Im Jahre 2009 feiert die Universität Leipzig ihr 600-jähriges Bestehen. Derzeit wird der Universitäts-Campus am Augustusplatz umgebaut. Der Neubau soll zum Jubiläum eingeweiht werden.

Solche Feiern haben es in sich! Dies zeigt sich auch hier wieder. Jahrelang wurde über einen möglichen Wiederaufbau der Paulinerkirche gestritten, die an dieser Stelle stand und im Jahre 1968 gesprengt wurde. Der Streit wurde zwischenzeitlich - nach einem erneut ausgeschriebenen Architektenwettbewerb - beigelegt. Das "Gesicht" der Paulinerkirche wird in die Fassade integriert und wird auf diese Weise an den barbarischen Akt der Sprengung erinnern.

Wie soll nun mit dem Bild von Tübke verfahren werden? Vor Beginn der Umbauarbeiten wurde es ins Museum der bildenden Künste gebracht, einige Wochen im Museum ausgestellt und ist jetzt ebendort im Depot gelagert. Die Universitätsleitung möchte das Bild bei der Eröffnung des neuen Campus wieder in die Universität hängen.

Loest sieht hierin ein falsches Zeichen; er betrachtet das Bild als Ausdruck des Triumphes der SED - sozusagen als i-Tüpfelchen - nach der Sprengung der Paulinerkirche, nach Vertreibung, Verhaftung und Einschüchterung von Professoren und Studenten die Universität nun voll im Griff zu haben.
Erich Loest (re.) überreicht Hausherrn Klaus Eberhard
einige seiner Bücher in der Galerie
Erich Loest schenkt dem Hotel einige seiner Bücher
Er hat während seiner siebenjährigen Inhaftierung in Bautzen (1957 - 1964) einige der Opfer der Universität "jämmerlich verrecken sehen". So, wie es einst auch dem jungen Studenten Werner Ihmels ergangen war, der 1949 in Bautzen starb.

Bei einer Podiumsdiskussion im Museum der bildenden Künste wurde die zeitgeschichtliche Dimension der Auseinandersetzung über das Bild sofort sichbar:

Kunsthistorisch wird das Bild als hervorragend eingestuft. Eduard Beaucamp, bestens vertraut mit der Leipziger Malerei seit 1968, sieht das Bild als Kunsthistoriker und macht in ihm sogar den Aufbruch der Jugend aus, vergleichbar und in der Nähe der 68-er Studentenbewegung im Westen. Nach der Diskussion sagte mir Beaucamp in einem persönlichen Gespräch, er halte die Arbeit für das beste Bild, das nach 1945 in Deutschland gemalt wurde - Ost wie West.

Loest sieht genau das Gegenteil, die Unterdrückung und das Ende der liberalen Entwicklung der Universität.

Aufschlußreich bei dieser Diskussion waren mehrere Wortmeldungen aus dem Publikum. Emotionsgeladen trugen die einen ihre Wut über das Bild, seine Entstehungsgeschichte, und seinen Autor und dessen Privilegien vor (einmal sogar mit persönlichen Gehässigkeiten gegen die anwesende Frau Tübke), andere dagegen griffen Loest wegen seiner Kritik an dem Bild an und zollten dem Bild und seinem Autor höchste Anerkennung.

Erich Loest gab an diesem Abend bekannt, dass er ein Bild bei dem Leipziger Maler Reinhard Minkewitz in Auftrag gegeben hat, das die Opfer der Universität zeigen soll. Das Bild ist derzeit im Entstehen und trägt den Titel "Aufrecht stehen" (Öl auf Holz, ca. 65 x 250 cm).
Werner und Brigitte Tübke
mit Hausherrn Klaus Eberhard (re.) in der Galerie
Werner Tübkes letzter Besuch im 'Leipziger Hof' (2003)
Er regte an, dieses Bild - wenn denn Tübkes Bild wieder in der Uni zu sehen sein sollte - in die Nähe des Tübke Bildes zu hängen.

Minkewitz und Loest werden die Arbeit am 10. Mai 2007 in unserer Galerie der Öffentlichkeit vorstellen. Wir laden Sie schon jetzt zur Teilnahme ein und bitten Sie, den Termin vorzumerken (Beginn 19 Uhr).

Unsere Galerie wurde im Jahre 1995 mit einer Werner Tübke Ausstellung eröffnet. Seit dieser Zeit bis zu seinem Tode (2004) waren Brigitte und Werner Tübke immer wieder in unserem Hause oder ich bei ihnen in der Springerstraße. Natürlich frage ich mich, was wohl Werner Tübke selbst zu der gegenwärtigen Diskussion gesagt hätte. Ich bin fast sicher, er hätte nichts dazu gesagt, allenfalls vielleicht einen banalen Hinweis gegeben.

"Der Lehrer bricht durch", sagte er manchmal, wenn er mir Dinge erklärt hatte oder sprach mich mit "Herr Kollege" an (als Physikprofessor). Oft hat er betont, dass ihm die Lehrtätigkeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst viel bedeutet hat.

So gesehen, verwundert es nicht, dass trotz des fatalen Anlasses der Auftragsvorgaben ein Bild entstanden ist, das als zeitgeschichtliches Dokument teils auf heftige Ablehnung stößt und kunsthistorisch von fast allen mit großem Lob bedacht wird.

Im ehemaligen Wohnhaus von Brigitte und Werner Tübke ("Tübke-Villa") befindet sich heute die

Tübke Stiftung Leipzig, Springerstraße 5, 04105 Leipzig
geöffnet samstags 10 - 14 Uhr.
Kontaktadresse: Stiftungsratsvorsitzende Brigitte Tübke-Schellenberger, Thomasgasse 2, 04109 Leipzig (Tel. 0341 - 585 22 18).

© Klaus Eberhard, März 2007


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