Leipziger Volkszeitung
15./16.09.2012
Erinnerung gegen Erinnerung
Ursula Mattheuer-Neustädt wehrt sich gegen ein Buch des Kunstsammlers Klaus Eberhard

Seit wenigen Wochen auf dem Markt, sorgt das Buch "Zu Gast bei Mattheuer und Rauch -Tagebuch eines Leipziger Kunstsammlers" von Klaus Eberhard (Verlag E.A. Seemann) in der hiesigen Kunstszene für Aufregung, Unmut, ja für Empörung. Künstler und Kunstwissenschaftler beziehungsweise deren Lebenspartner fühlen sich bloßgestellt.

Von THOMAS MAYER


Mattheuer-Freund Erich Loest hat es geahnt. In seinem Vorwort zum Erinnerungs-Buch heißt es "Er (Klaus Eberhard; Anm. d. Red.) ... lässt Kollegen über Kollegen lästern, es könnte hier und da Ärger geben, da heute mancher meint, das damals so nicht gesagt zu haben."

Nach einigen Wochen des Schweigens geht nun Ursula Mattheuer-Neustädt in die Öffentlichkeit: "Ich bin das dem 2004 verstorbenen und hoch angesehenen Maler Wolfgang Mattheuer schuldig und kann die oft beleidigenden Darstellungen im genannten Buch so nicht stehen lassen", sagt sie im Gespräch. Die stets eigenständige Künstlerin, die mit Wolfgang Mattheuer verheiratet war, mit ihm über 50 Jahre zusammen lebte und arbeitete, spricht sogar von einer "Schmähschrift". Mattheuer-Neustädt wurde von Eberhards Buch "völlig überrascht". Obwohl Mattheuer in der Publikation häufig zitiert wird, hat es keinerlei Autorisierung gegeben.

Buchautor Eberhard bleibt auf Anfrage dieser Zeitung bei seinen Darstellungen und hält die Kritik für nicht gerechtfertigt. Alles sei korrekt wiedergegeben. Nach den genannten Gesprächen habe er immer noch am Abend sein Tagebuch geschrieben, ohne, wie im Fall Mattheuer, damals zu wissen, dass daraus ein Buch entstehen könnte. (Ein Auszug war in dieser Zeitung zu lesen.) Es fanden, sagt Mattheuer-Neustädt, in den 90er-Jahren einige Gesprächsrunden zwischen uns und Herrn Eberhard statt, entweder in seinem Kunst-Hotel oder auch bei uns. Nicht einmal äußerte er aber sein Vorhaben, diese Gespräche, die wir als rein privat ansahen und die er meines Wissens nach in keiner Weise aufzeichnete, publizieren zu wollen". In dem Buch handele es sich also bestenfalls um Gedächtnisprotokolle, in denen Künstler und Kunstwissenschaftler mit herabwürdigenden Äußerungen zitiert würden.

Zu Wort kommt Arnd Schultheiß. Laut Eberhards Aufzeichnungen soll der Maler und Grafiker gesagt haben: "Mattheuer hatte beste Beziehungen zur SED. Wenn Hager oder auch Gaus, der ständige Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in Ostberlin, oder auch der Sammler Peter Ludwig zu Besuch kamen, wurde Mattheuers Wohnung auf Staatskosten frisch gestrichen.


Wolfgang Mattheuer und seine Frau Ursula Mattheuer-Neustädt.       Repro: André Kempner

All dies will Mattheuer heute nicht mehr hören. Maler-Kollege Günter Richter habe kund getan: "Mattheuer konnte nur in der DDR berühmt werden. Im Westen hätte er keine Karriere gemacht." Der gestorbene Kunstkritiker Peter Guth habe Mattheuer einen "typischen DDR-Maler" genannt und wird von Eberhard auch so zitiert: "Mattheuer hat alles seiner Frau zu verdanken. Sie ist die Intellektuelle, sie kennt Literatur, sie ist die Feinsinnige, auch in ihren Zeichnungen und als Malerin. Er ist mehr der einfach strukturierte Mensch."

Ursula Mattheuer-Neustädt will nicht glauben, dass Kollegen -zu etlichen pflegt sie bis heute ein mindestens respektvolles Miteinander -sich derart geäußert haben sollen. Dass Mattheuer ein "DDR-Maler" gewesen sei, hält sie für "diffamierend": "Wolfgang war ein deutscher Maler und hat sich auch öffentlich dazu bekannt. Den sozialistischen Realismus nannte er eine schönfärberische Kunst. Mattheuer war schon vorm Ende der DDR auch in der Bundesrepublik bekannt, schon 1974 gab es in der Kunsthalle Hamburg für ihn eine Ausstellung. Ja, er bekam den DDR-Nationalpreis verliehen, aber auch von Bundespräsident von Weizsäcker das Bundesverdienstkreuz. Und er ist auch nicht einfach strukturiert, wovon ja nicht nur seiner Bilder zeugen sondern auch seine vielen Texte zur Kunst und zur Zeit. "

Ehrenrührig werde das "Pamphlet" (Mattheuer-Neustädt), wenn der Autor über ein Gespräch vom 14. September 2001 , also wenige Tage nach den Terror-Anschlägen auf die USA, am Künstler-Stammtisch in der "Kümmelapotheke", zu dem er zufällig dazu stieß, berichtet. Mattheuer soll damals gesagt haben: "Die Welt weint, wir wollen lachen." Die anwesenden Künstler sollen betreten geschwiegen haben, schreibt Eberhard, und: "Politisch naiv, wie ich ihn kennen gelernt habe, mal rechts, mal links zu Hause, die Junge Freiheit und Die Zeit nebeneinander auf dem Tisch, zieht er heute Abend über die Kapitalisten her. Beklemmend zu sehen, wie ein alter Mann, dem es eigentlich gut geht, so von Verbitterung beherrscht wird, dass er nach einigen Gläsern Rotwein, die er wohl getrunken hat, solche Äußerungen von sich gibt. "

"Was hat Herrn Eberhard geritten, so etwas zu schreiben? Wolfgang und verbittert? Er war anerkannt in Ost und West, erst jetzt wird seine Jahrhundertschritt-Skulptur in Potsdam so groß wie nie zuvor öffentlich präsentiert", sagt Ursula Mattheuer-Neustädt. Sie wolle die Beleidigungen nicht hinnehmen.

 
Quelle: LVZ 15./16.09.2012 zu den Artikeln
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