Leipziger Volkszeitung
25.09.2012
Geistiger Voyeurismus
Verleger Elmar Faber über Klaus Eberhards umstrittenes Buch "Zu Gast bei Mattheuer und Rauch"

Der Galerist und Hotelier Klaus Eberhard, Inhaber eines Kunsthotels im Leipziger Osten, hat ein Buch geschrieben, das unter Akteuren und Beobachtern der Leipziger Kunstszene mancherlei Unmut hervorgerufen hat. Es heißt "Zu Gast bei Mattheuer und Rauch" und gibt sich als Tagebuch eines Leipziger Kunstsammlers aus.

Von ELMAR FABER*


Die Betroffenheit über diese Aufzeichnungen beruht nicht auf Unterschätzung oder Missachtung von Eberhards Leistungen und seines Engagements im hiesigen Kunstbetrieb, sondern auf der Geschwätzigkeit, mit der er seinen Sammlereifer einrahmt. Klaus Eberhard hat im "Leipziger Hof' über 400 Werke Leipziger Künstler zusammengetragen. Er hat damit seine Leidenschaften bedient und ein erstaunliches Maß an Mäzenatentum erkennen lassen. Das Hotel hat er im Ensemble der Leipziger Gastronomie zu einem Solitär gemacht. Er hat sich in Künstlerateliers herumgetrieben, hat Gespräche geführt, hat mit den Künstlern an den gedeckten Tischen seines Hotels gesessen und ihren fröhlichen und manchmal verbitterten Erzählungen gelauscht. Er hat Vertrautheit hergestellt, wie sie sich häufig aus der Zuneigung des Sammlers zum Künstler ergibt.
Klaus Eberhard ist in der Kunstszene ein Quereinsteiger. Von Hause aus ist er Atomphysiker mit renommierter Laufbahn. die ihn bis Zum Professor an der angesehenen Münchner Ludwig-Maximilian- Universität hochgetragen hat. Man mochte meinen, ein kluger, mit den feinsten Ziselierungen der Materie vertrauter Mann, dem auch auf unbekanntem Terrain nicht gleich ein Malheur passieren kann. Aber freilich, Kunst geht verschlungene Wege, Kunstgeschöpfe sind häufig problematischere Naturen als strahlendes Gestein. Wer sich ihnen nähert, als Sammler, Verleger, Kritiker, braucht Feingefühl, profunde Kenntnis , abwägendes Urteil. Dabei kann man durchaus auch einmal den Grobian hervorkehren. Produktives Infragestellen gehört zu jeder guten Partnerschaft. Aber was Kunst- Partnerschaft nicht verträgt ist Denunziation, mit der gelegentlich Autoren, Sammler, Kritiker, aus lauter Eigenliebe und Selbstdarstellungswut, einen geistigen Voyeurismus pflegen, um den klatschsüchtigen Boulevard mit Munition für seine vergänglichen Späße zu beliefern. Man wird das Gefühl nicht los, dass Eberhards "Zu Gast bei Mattheuer und Rauch" gerade das besorgt.
Wir kennen alle die dunklen Seiten unserer Existenz. Wir wissen alle, was in uns versteckt ist. von alters her, die sieben Todsünden und mehr. Aber wenn ich an Hand einer Sammlung die Physiognomie einer Kunstlandschaft beschreiben will, wie es Eberhard beabsichtigt, darf ich nicht mit Feuereifer diese archaischen Gewohnheiten bedienen. Ein Sammler und Buchautor muss Erfahrenes, Erlauschtes reflektieren. Wirtshausparolen sollte er nicht in den Rang von Kunsturteilen oder politischen Bekenntnissen erheben.

Den Sammler, wie den Kritiker, adelt erst die eigene Meinung. Das Buch von Eberhard handelt aber vorrangig mit geborgten Meinungen, die er sich - zugespitzt ausgedrückt - auch noch illegal erworben hat. Seine "Gedächtnisprotokolle" , die er - irreführend - als wörtliche Rede seiner Gesprächspartner feilbietet, verbreiten den Duft einer verteufelten Behörde. Keiner weiß, ob seine Geheimreporte stimmen oder nicht, zumal sie mit Vielen Klischees, mancher Albernheit und noch mehr Banalitäten ausgefüllt sind. Da macht sich beispielsweise Barbara Mayer-Foreyt Gedanken über "bewusst radioaktive Bestrahlungen und andere schlimme Vorgänge" um ihren Mann im Robert-Koch-Krankenhaus in Leipzig, oder sie erzählt dem Sammler, "Mattheuer habe von ihrem Mann geklaut", wie viele andere auch. Abenteuerliche Dialoge. Ein jeglicher darf einen Kollegen einmal anschwärzen. Schultheiß gegen Schade, Günter Richter gegen Heinz Wagner, Tübke gegen Lenk, Klaus Werner gegen Guratzsch und umgekehrt, Loest gegen Mattheuer, den "einfach Strukturierten, der grobe Töne spuckt, aber sich nicht immer an seine eigenen Worte hält", auch eine bei Peter Guth aufgelesene Weisheit ohne Realitätsbezug.
So fegen in Eberhards "Tagebuch" die Unterhaltungsbonmots wie Schrapnells durcheinander, ohne dass einmal ein eigener zusammenfassender Gedanke des Tagebuchschreibers bekannt wird. Schließlich ließe sich ja nach einer ganzen Verteuflungskette einmal sagen, dass Mattheuer alles andere als "ein einfach strukturierter Mensch" war. Wie sollte sonst sein großartiges Werk zustande gekommen sein? Mattheuer war ein universeller Beobachter von Zeit und Welt, ein Moralist, der freilich mit Sarkasmen nicht sparte und häufig als Ironiker die Doppelbodigkeit allen Geschehens in Natur- und Menschenwerk freilegte. Man versteht, dass ihm manche dieses Talent neiden.
Ein Sammler von Kunst, sobald er daraus ein öffentliches Ereignis macht, darf sich in seinen Kommentaren nicht mit biederen Akklamationen abfinden wie "das gefällt mir" oder "das wollte ich haben", sondern er muss die an seiner Sammlung Teilnehmenden hellsichtiger machen, durch ein ordnendes Prinzip, das man am Ende von jeder Sammeltätigkeit verlangt. Eberhards Buch dagegen vermietet Klatsch, Missverständnisse und - ich sage es ungern - Vorurteile und Fehlurteile.
So will ich zum Schluss empfehlen: Wer die uns allen gestundete Zeit genießen will, gehe in das Kunsthotel "Leipziger Hof" und trinke einen guten Schoppen Wein. Wer seine Zeit verplempern will, der hole sich das Buch von Klaus Eberhard und stopfe sich voll mit Belanglosigkeiten, auf Teufel komm raus.

*Der Verleger Elmar Faber, am 1. April 1934 in Thüringen geboren, stand über Jahre den Häusern Edition Leipzig und Aufbau Berlin vor und führt seit 1995 in Leipzig den Verlag Faber & Faber
 
Quelle: LVZ 25.09.2012 zu den Artikeln
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