KULTUR
11./12. August 2012


Heimatkunst ohne Filter
Das Kunsthotel Leipziger Hof wagt Noltensmeier



Jürgen Noltensmeier malt Fassaden. Er malt sie nicht an, sondern ab - und zeichnet damit das Bild einer Welt, die immer gleichförmiger zu werden droht. Seine Ausstellung "Womit müssen Sie rechnen" ist bis 28.August im Galerie-Hotel Leipziger Hof zu sehen.



Von JENS KASSNER

Das Herzchen im dreigliedrigen Fenster macht nichts besser, auch nicht die gehäkelten Hängeornamente und die eingetopften Grünpflanzen hinter diesen Gucklöchern in der grauen Mauer des Hauses. Die Ortsbezeichnungen in den Bildtiteln wie "Bielefeld VI" oder "Steinheim" sind keine Entschuldigung. Bielefeld ist überall. Wer sich Tristesse als Motiv gewählt hat, muss nicht auf Reisen gehen. Realismus der nicht affirmativen Richtung ist doch frei von geografischen Zuschreibungen machbar.

Jürgen Noltensmeier wurde 1967 in Kalletal geboren, einem Ort, der mit dem interpretationsträchtigen Spruch "In Lippe ganz oben" wirbt, auf der Intemetseite aber bevorzugt frühlingsgrüne Felder zeigt. Hochschulstudien in Hamburg und Glasgow haben seinen Blick für das Banale offenbar nicht trüben können.

Noltensmeier malt Fassaden, kaum etwas anderes. Er malt sie nicht an, sondern ab. Autos dürfen davor rumstehen, die Bilder heißen dann "Standardsituation I" und so weiter. Menschen kommen aber nicht vor. Ist schon bei den Ein- und Mehrfamiliensilos kaum eine regionale Differenzierung ablesbar, so verschwindet bei den Wiedergaben der Filialen von Aldi, Plus, Lidl und sonstigen Discountern jeder Rest von Individualität. Auch wenn McDonalds und Coca Cola nicht erscheinen, kann man die Gemälde als Signifikanten der Globalisierung lesen. Unterschiede sind was für unheilbare Nostalgiker, Wiedererkennbarkeit macht den spätmodernen Menschen glücklich.

Zu den Sujets - Anti-Romantik par excellence - hat sich Jürgen Noltensmeier, der auch als Schriftsteller tätig ist, die passende Art zu malen entwickelt. Schon der Moment des Abbildens wirkt ganz zufallig wie ein Schnappschuss beim Sonntagsspaziergang, auf einen freundlichen Augenblick kann nicht immer gewartet werden. Scheint die Sonne doch, dann· nicht unbedingt von der richtigen Seite, Schlagschatten stören die Idylle des hart ersparten Wohneigentums.

Die Farben auf den ziemlich großen Leinwänden wirken stumpf und gebrochen. Der Künstler verwendet Eiternpera, eine Technik, die seit jeher die Ikonenmaler der orthodoxen Kirchen benutzen. Ob er aber die Pigmente mit frischem Eigelb von Aldi selbst anreibt. ist fraglich.Zudem hätten es sich Rubljow und Kollegen nie erlaubt, dass Schlieren von zu flüssiger Farbe nach unten laufen und nicht sorgfaltig bereinigt werden. Noltensmeier bereinigt nichts, in der künstlichen Sauberkeit und Ordnung der Vororte gehört dieser Störfaktor notwendig dazu, um die verfahrene Situation überschwappender Normalität irgendwie erträglich zu machen. Die deutlich sichtbaren Schlieren sind offenbar die symbolischen Tränen der flächendeckenden Bausünden.

Es gehört schon Mut dazu, solche Bilder in den Konferenzräumen eines Hotels auszustellen. Nicht nur Versammlungen von Architektenverbänden und Stadtplanern müssen in dem Ambiente ein schlechtes Gewissen kriegen . Doch die dauerhafte Sammlung des von Klaus Eberhard geleiteten Kunsthotels Leipziger Hof mit den Großmeistern der L ipziger Schule schafft dann zumindest in den Pausen Beruhigung.

"Womit müssen Sie rechnen?" nennt Jürgen Noltensmeier seine Ausstellung, auf einen scheinbaren Diskurs ausgerichtet. Mit wöchentlichen Sondorangeboten der Supermärkte wird man rechnen können. Mit Parkplatzproblemen. Mit festen Abzahlungsraten für das Eigenheim bei tariflich vereinbarten Lohnzuwächsen. Falls keine Krise dazwischen kommt. Bloß das nicht! Es läuft doch gerade so gut. Und hübsch ist es hier auch.


Jürgen Noltensmeier - Womit müssen Sie rechnen?: bis 28. August, täglich 10-20 Uhr, außer bei Veranstaltungen; Galerie Hotel Leipziger Hof, Hedwigstr. 1-3