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und
GALERIE HOTEL LEIPZIGER HOF
Hier schlafen Sie mit einem Original


Vor vielen Jahren wanderte er nach Polen aus. Nun sah er zum ersten Mal seine Heimatstadt wieder. In zwei Briefen an uns hat er seine Gedanken über Leipzig und über zeitgeschichtliche Vorgänge aufgeschrieben.

Peter Spangenberg


(Wir danken ihm für die Erlaubnis, die Briefe hier präsentieren zu dürfen.)






Der Brief vom 27.5.2013

Von: Peter Spangenberg
Gesendet: Montag, 27. Mai 2013 14:33
An: info@leipziger-hof.de
Betreff: Ich war da


Guten Tag
und herzliche Grüße nach Leipzig.

Nach vielen Jahren war ich wieder mal in meiner Heimatstadt. Doch bevor man losfährt, sucht man sich eine Übernachtung. Und wie so oft im Leben entscheidet der Zufall, bleibt der "Finger" bei einem Hotelnamen stehen und man entscheidet sich....."Ja, das soll es sein"!

Ich bin in Volkmarsdorf groß geworden und habe meine ganze Kindheit und Jugendzeit dort ver- und erlebt. Das ist dann die Heimat. Auch wenn später ein anderer Wohnort gewählt wird. Dort wo die Kinder- und Jugendzeit gewesen ist, dort ist immer die Heimat.

Ja, und dann bin ich angekommen in Leipzig. Als erstes fuhren wir zur 18. Grundschule. ...Ein Dornröschenschloß. Der Efeu und der Wilde Wein umranken und überdecken das Gebäude. Aber dort habe ich ja viel Wissen bekommen. Es war schon ein trauriger Anblick. Dann ging es zum Volkmarsdorfer Markt. Jaaaa, den gab es noch. Die Lukaskirche, dort wo ich konfirmiert wurde, aber nicht gottesgläubig wurde. Aber es waren die schönen Erinnerungen auch an den Pfarrer Wach. Viele Häuser gab es nicht mehr. Häuser, wo die Klassenkameraden und Spielgefährten einst wohnten..

Tja und dann fuhr ich in die Hildegardstraße und suchte die Nummer 11. Sie war nicht mehr da, alle alten Häuser, bis hoch zur Zollikoferstraße, waren weg. Und damit war auch die - meine - Generation weg. Da stand mir schon das Wasser in den Augen. Und ich sah den Verfall dieses Stadtteils. Die Eisenbahnstraße, die mir so vertrauten Geschäfte. Alles war anders, die Geschäfte waren noch da, aber eben anders. Aber eines war noch da. Der Leipziger Urtyp. Schon der Erste, den ich ansprach, war einer von den Leibzschern. Das war so etwas als Entschädigung für so viel Enttäuschung.

Und dann gings zum Hotel. Auch wieder Enttäuschung unterwegs. Das Kino, der "Wintergarten", war weg. Das Ostbad war weg. Die Turnhalle, wo ich zum Boxsport ging, ein "Märchenschloß", rundherum und auch drüberweg zugewachsen. Endlich das Hotel. Eigentlich Wohnhäuser. Ich ging hinein mit Familie und!!!! Ich war plötzlich zu Hause. Eine gemütliche Atmosphäre war vorhanden. Und was den Stempel aufdrückte, mich empfing der Leipziger Dialekt. Nicht so sehr in der Grammatik, sondern in der nicht zu überdeckenden Aussprache. Es war schon deshalb das Gefühl, hier bin ich zu Hause. Und weil wir Leipziger auch den Goethe verehren, war für mich....."Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein". Heinrich Faust, der unglückliche Gelehrte, lässt den Satz beim Osterspaziergang in der Menschenmenge fallen, als er beobachtet, wie wohl sich "die Menschen aller Stände in dem feierlichen Trubel fühlen".

Ja, liebe Mannschaft des Hotels Leipziger Hof, Ihr schafft eine gemütliche Atmosphäre. Aufmerksam, freundlich, natürlich und sehr zuvorkommend. Verteidigt dieses "besondere", was man auch als das Typische für Leipzig hat. Denn... "Der Sachse ist gemiedlich". Und der Leibzscher sowieso.

Was besonders interessant im Hotel ist, sind die vielen Bilder, die überall an den Wänden hängen. Selbst auf der Toilette. Also, das war eine Idee ...einfach genial ... ein Galeriehotel. Solche Ideen könnten noch viele in dieser Gegend zum Tragen kommen. Machen wir ein Künstlerviertel aus Neustadt und Volkmarsdorf. Wer fängt an? Nein, der Anfang ist ja schon da. Es muß heißen: Wer macht mit und macht weiter. Und dann sind wir wieder bei Goethe: "Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn, auf freiem Grund mit freiem Volke stehn". Im Streben nach dem "höchsten Dasein".

Es liegt auch mit an uns, was wir aus dem, was uns die vor uns Gewirkten dagelassen haben, machen. Ich appelliere an die Jugend und auch an diejenigen, welche die finanzielle Möglichkeit haben, die Kultur einer Stadt wie sie in Leipzig über Jahrhunderte gewachsen ist, zu fördern, damit auch zu schützen und damit auch der Möglichkeit den erforderlichen Raum zu geben, das bisher Geschaffene weiter zu entwickeln. Die "Geldsäcke" sind da in Leipzig. Man muß nur den Schlüssel finden, damit das Geldsäckel geöffnet wird.

Ich habe mich im Hotel mit einer sehr netten Kunststudentin unterhalten, die als Aushilfskraft fungierte. Ja, das ist eine Vertreterin der jungen Generation, die wir brauchen. So muß Jugend sein. Freundlich, selbstbewusst und zielstrebig. So etwas kann man fördern, kann man unterstützen. Ich möchte mich nochmals bei ihr für den sehr freundlichen Dialog bedanken und ich wünsche dieser angehenden Künstlerin Erfolg und natürlich viel Selbstvertrauen und Mut.

Auch allen anderen aus der Mannschaft des Hotels meinen herzlichen Dank, auch von meiner Familie. Die Zimmer waren in Ordnung, alles bestens. Doch leider die Zeit war zu kurz. Das Frühstücksangebot prima. Und das Besondere --- es gab die so beliebten DDR Brötchen, keine aufgeblasenen Westballons. Auch das Brot hat geschmeckt.

Zum Abschluss auch einen Gruß an den Chef vom Ganzen. Super Idee und Super Kollektiv. Lass sie nur machen. Die schmeißen den Laden.

Nochmals viele Grüße aus meiner neuen Heimat in Polen.

Peter Spangenberg und Familie




Der Brief vom 5. Juni 2013

Von: Peter Spangenberg
Gesendet: Mittwoch, 5. Juni 2013 14:01
An: klaus.eberhard@leipziger-hof.de
Betreff: Danke


Sehr geehrter Herr Professor.

Gestern am 4.Juni klingelte der Briefträger am Tor und schwenkte Ihren "Großbrief" in der Hand. Hier, wo ich mein Haus gebaut habe, herrscht noch die alte Tradition, dass der Briefträger zum Empfänger kommt und auch einen kleinen Plausch mit dem Empfänger macht. Auch bei einer Tasse Kaffee oder Tee. Und es gibt auch ab und zu eine materielle Anerkennung. Sozusagen ein kleines Handgeld.

Ich war gerade beim Holzhacken und es war eine freudige Überraschung bei der schweren Arbeit. Ich muß jedes Jahr 2 Hänger Eichen, oder Birkenholz hacken und das für drei Jahre im Voraus, weil es gut trocken sein muß. Ich habe eine wasserführende Kaminheizung.

Und am Abend war das Galerie Hotel Leipziger Hof wieder Gesprächsthema. Es macht mir immer Freude, zu bestimmten Ereignissen meine Gedanken auszudrücken und meine Frau muß dann immer als Gesprächspartner herhalten. Aber sie diskutiert mit und so entsteht ein Dialog. Wir haben den Besuch in Leipzig noch nicht so richtig verarbeitet.

Und nun haben Sie uns Ihr Buch geschenkt, welches die Eindrücke von Leipzig noch bereichern wird. Ich habe die ersten 12 Seiten zum Schnuppern gelesen und habe einen ersten guten Einruck gewonnen. Wenn ein Erich Loest die Vorbemerkungen für Ihr Buch schreibt, dann kann es eigentlich nur GUT sein. Und wenn das Buch gut ist, dann sind sie auch ein Guter.

Meine Frau und ich, wir haben über Ihr Ansinnen diskutiert. Darüber diskutiert, was treibt einen Wissenschaftler, der doch in einer Supergegend wohnt (wohnte) und schon vieles in der Welt gesehen hat, nach Leipzig und ausgerechnet in den Osten?

Ist das auch einer wie so viele aus dem Westen, der als Eroberer gekommen ist, um den Ossis zu zeigen, wer der Herr im Hause ist? Ist es einer, der mit kritischem Getue alles schlecht redet und damit die Würde der Menschen verletzt, die in vielen Jahren unter viel schwierigeren Bedingungen als im Westen ihre Zukunft gestalten wollten? Was nicht gelungen ist. Ist es so einer, der vergessen hat, wie mutig wir DDR Bürger waren, als wir mit der Losung "Wir sind das Volk" die höchste Form von Demokratie zum Ausdruck gebracht haben?

Ist das so einer, der vergessen hat, dass wir DDR Bürger das geschichtliche Verdienst haben, dass die beiden Teile Deutschlands wieder vereint sind? Nicht die BRD Bevölkerung hat das fertiggebracht. Nein, wir aus der DDR haben das vollbracht. Und darauf können wir so richtig stolz sein.

Allerdings wird diese Heldentat von skrupellosen Akteuren sehr getrübt. Aber es gibt auch die anderen. Ich meine, Sie gehören zu den "Anderen". Es gehören Mut und auch Bereitschaft dazu, eine Idee in die Tat umzusetzen, dort wo man eventuell mit argwöhnischen Augen betrachtet wird, und man die dabei nicht abzusehenden Schwierigkeiten zu meistern hat. Sie haben den Mut und die Bereitschaft aufgebracht.

Warum schreibe ich das so!? Auch ich habe Mut und Bereitschaft aufbringen müssen, als ich mit meiner Frau die Entscheidung getroffen hatte, nach Polen auszuwandern. In ihre Heimat.

Ich bin in ein Land gegangen, dessen Sprache ich nicht beherrschte. In ein Land, das von den Deutschen arg verwüstet wurde und in vielen Familien Spuren des Hasses gegenüber den Deutschen vorhanden sind. Und ich war schon 60 Jahre alt. Das alles hätte schief laufen können. Und was wäre dann gewesen? Alles ist gut gegangen.

Ich werde hier gut "behandelt". Man grüßt mich sehr höflich und ich "darf" auch mit den Polen einen guten Wodka trinken. Man sagt Piotr zu mir. Ich bin also angekommen, wie man so sagt.

Und das gebe ich ihnen auch zurück.Ich helfe wo ich helfen kann. Mir wird geholfen. Ich habe damals einen Hektar Grund mit einen alten Haus darauf gekauft. Leider nicht 100x100 Meter. Das wäre das Ideale gewesen. Es sind 25x400 Meter. Davon nutze ich dreißig Prozent.

Ich habe mit viel Kraft und Einsatzbereitschft ein neues Haus gebaut. Dabei bin ich auch schon mal vom Schuppendach gefallen. Es gibt den Spruch, wer ein Haus baut und am Ende noch alle Knochen heil hat, ist selber daran schuld. Mit einen großen Obst und Gemüsegarten und vielen Sträuchern und Blumen fröne ich mit meiner Frau diesem Hobby. Die Jugendlichen freuen sich, uns zu helfen und sie werden immer reichlich belohnt. Es herrscht noch nicht Reichtum in unserer Gegend.

Sie kommen und fragen, ob sie helfen können. Da hat die Mutter oder der Vater Namenstag und sie möchten ein Geschenk kaufen. Na dann bekommen sie eine gute Belohnung für ihre Hilfe.

Auch bei Ihnen, Herr Professor, ist alles gut gegangen. Es gab auch die Anfangsschwierigkeiten, wie Sie im Interview mit MDR Figaro zum Ausdruck brachten. Aber Ende gut, alles gut. Wobei das Ende noch lange nicht in Sicht ist. Ich beziehe das auf ihre Bildersammlerleidenschaft (welches blöde Wort). Ich lasse es stehen. Ich habe mich gefragt, was wird er wohl machen, wenn die Innenwände nicht mehr ausreichen? Kommen dann die Außenwände dran? Eine Frage, die ich noch nicht so richtig beantworten kann. Aber aus meiner Sicht eines Tages zu beantworten wäre. Denn die Leidenschaft des Sammelns wird nicht nachlassen.

Fragen Sie doch einfach den Nachbarn, ob er Ihnen sein Haus zur Verfügung stellt. Oder ist es die Ruine um die Ecke, welche Sie schon im Visier haben? Wenn es an Geld fehlt, so gehen Sie zu den Abgeordneten und dem Oberbürgermeister von Leipzig und lassen sie das Geldsäckel öffnen, um diese Ruine wieder flott zu machen und in ihr Hotelensemble einzubeziehen.

Erklären Sie ihnen, welche kulturelle Bereicherung Sie für Leipzig geschaffen haben und ständig schaffen und wie Sie mit Ihrer Idee den Leipziger Künstlern auch eine kulturelle Heimat für ihr Schaffen bieten. Wie Sie dazu beitragen, dass Kultur in Leipzig weiterentwickelt und gestaltet wird durch die vielen Treffen mit Künstlern.

Trommeln Sie die Karstadt und Co in Ihr Hotel zusammen und öffnen Sie deren Tressore, um deren finanziellen Beitrag zu erreichen. Ihre Gäste sind deren Kunden. Oh, jetzt habe ich aber Höhen errreicht. Tja, ich schätze Mut und Ehrlichkeit. Das erkenne ich bei Ihnen und ich erkenne Humanität. Mit Ihrer Idee bringen Sie nicht nur Kunst an den Menschen heran, mit Ihrer Idee haben Sie auch Arbeitsplätze geschaffen. Ich bin überzeugt, in Ihrem Hotel herrscht ein gutes soziales Klima.

Und weil Sie Ihre Sammlerleidenschaft mit so vielen Menschen teilen und bereit sind zu teilen, sind Sie auf alle Fälle kein Egoist.

Sie sind Katzenliebhaber. Ich bin Hundeliebhaber. Ich, wir, haben Hunde als Begleiter und Bewacher. Es gibt das Sprichwort, wer die Menschen kennt, liebt die Tiere. Sie sind keine hirnlosen Geschöpfe. Sie sind wertvolle Begleiter des Menschen. Ich kenne Gute und auch nicht so Gute Menschen. Aber ich kenne nur gute Tiere. Sie werden nur böse, wenn man sie nicht würdig behandelt.

Machen Sie weiter so. Ihr Buchgeschenk wird viel Gesprächsstoff mit meiner Frau bieten. Ich werde dafür keine Feierabendstunden nutzen, wo man bald einschläft. Nein, da werden schöne Tage auf der Terrasse genutzt. Vielleicht gebe ich eine Wertung ab. Und wenn ich merke, dort oder da war auch ich in meiner Jugendzeit, dann werde ich ganz genau lesen, wie Sie es erlebt haben und ich bin dann der "Geist", der Sie begleitet.

Übrigens Geist. Geben Sie doch der Aushilfskraft, der "Kunststudierenden" eine Hausaufgabe. Sie soll sich mit ihren Kommilitonen Gedanken machen und eine Art Mosaikserie schaffen, wo der gute Geist des Hauses, der knarrt, wenn er die Gäste begleitet und der Poltergeist als kleiner Kobold, zum Begleiter des Hauses und der Gäste werden. Na ja. War nur so eine Idee.

Ich beende meine Dankesrede. Wir haben Freude an Ihrem Geschenk und bedanken uns sehr herzlich. Sollte das Schicksal es gut mit uns meinen, und ein günstiger Wind nach Leipzig weht, könnte es sein, wir klopfen wieder einmal an. In gleicher Besetzung. Grüßen Sie Ihre Mannschaft, behandeln Sie sie so, wie sie es verdienen. Ohne sie geht nichts. Ihnen alles Gute und Gesundheit voran.

Mit großer Hochachtung an Sie.
Auch Dank für die Widmung im Buch.
Freundlichst
Peter Spangenberg mit Ehefrau.

PS: Übrigens haben Sie mir eine zusätzliche Aufgabe verschafft. Ich werde für die polnische Seite als Dolmetscher zu ihrem Buch fungieren.


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letztes update: 19.6.2013